Interview

Aktuell, historisch und diskussionsfreudig

Ein Vierteljahrhundert Collegium Novum Zürich

Moritz Weber - 2018-09-11
Aktuell, historisch und diskussionsfreudig - Collegium Novum Zürich in der Tonhalle Maag 2017 © FrançoisVolpe
Collegium Novum Zürich in der Tonhalle Maag 2017 © FrançoisVolpe
Aktuell, historisch und diskussionsfreudig - Collegium Novum Zürich © Susan Schimert-Ramme
Collegium Novum Zürich © Susan Schimert-Ramme
Aktuell, historisch und diskussionsfreudig - Collegium Novum Zürich 2017 in Baden
Collegium Novum Zürich 2017 in Baden

Jens Schubbe hat vor acht Jahren die Geschäftsführung und die künstlerische Leitung des Collegium Novum Zürich (CNZ) übernommen. Dieses Jahr feiert er mit dem Ensemble dessen 25-Jahr-Jubiläum. Ein Gespräch über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft des Ensembles.

Als Sie die Leitung des CNZ übernahmen haben Sie sich vorgenommen, dass das CNZ seine Position in der Zürcher Konzertszene behaupten und sich international als eines der besten Ensembles für neue Musik etablieren sollte. Haben Sie diese Ziele erreicht?

Jens Schubbe: Was Zürich betrifft: Ja! Was Europa betrifft ist es etwas komplizierter: Infolge der Finanzkrise wurde der Spardruck gerade im Bereich der neuen Musik deutlich spürbar. Auch bei uns. Und es gibt immer mehr Spezialensembles, was den Kampf um die internationalen Spitzenplätze verschärft. Daher sehe ich in puncto internationale Ausstrahlung noch Entwicklungspotential. Was das Spielniveau betrifft, können wir aber mit den internationalen Spitzenensembles durchaus mithalten.

Vor 25 Jahren gestaltete der erste Leiter des CNZ, Armin Brunner, die Programme des CNZ noch ziemlich traditionell – für das damalige Umfeld wäre alles andere auch zu riskant gewesen. Ist es heute einfacher, mutiger zu programmieren?

JS: Mutig bedeutet für mich nicht, jedem neuen Trend nachzurennen. Mutig finde ich es eher, den eigenen Überzeugungen zu folgen, gewisse Moden auch auszulassen und deshalb vielleicht einmal nicht an gewissen Festivals präsent zu sein. Wir spielen die Musik, von der wir überzeugt sind, dass sie gut ist.

Heinz Holliger "Lunea" (2013)

 

«Innovation, Bewahrung und Vermittlung» war und ist das Credo beim CNZ. Ist diese Verbindung von Moderne und ganz Neuem das ultimative Erfolgsrezept für die neue Musik?

JS: Wer ohne Geschichte ist, der kann seine Position in der Gegenwart gar nicht genau bestimmen. Wir brauchen die Historizität, um Massstäbe zu haben, an denen wir das Aktuelle überhaupt messen können. Das geht mir in manchen Veranstaltungen mit zeitgenössischer Musik verloren. Beides gehört zusammen: aktuelle Musik präsentieren und Geschichte lebendig halten.
In den letzten Jahren hat sich das CNZ merklich verjüngt, einige langjährige Mitglieder sind ausgetreten und jüngere sind nachgerückt.

Wie hat sich dieser Generationenwechsel ausgewirkt?

JS: Wir haben einige der besten jungen Musikerinnen und Musiker der Schweiz gewinnen können, und auch herausragende erfahrene Musiker sind zu uns gestossen. Der Qualität des Ensembles hat das gewiss nicht geschadet. Es fällt ausserdem auf, dass das CNZ diskussionsfreudiger geworden ist. Es kommen deutlich mehr Programmanregungen von den Musizierenden.

Zum Beispiel?

JS: Solistenkonzerte werden öfter vorgeschlagen oder Kammermusik. Für letzteres haben wir die Konzertform der «Klanginseln» etabliert und die «Bonsaikonzerte».

Das CNZ beim Festival Archipel 2017

 

Schauen wir auf die aktuelle Saison: Wird jedes CNZ-Konzert zum kleinen Jubiläumsfest?

JS: Wir haben nicht jedes Konzert auf das Jubiläum ausgerichtet, sondern werden an einem Anlass am 24.11.2018 gross feiern. Es wird diverse Uraufführungen geben, von komponierenden Ensemblemitgliedern und von anderen Komponierenden, mit welchen wir oft zusammengearbeitet haben.

Ich lese im Saisonprogramm viele Komponistennamen, mit denen das CNZ seit langem verbunden ist: Bernd Alois Zimmermann etwa oder Mischa Käser. Nur: Wo sind die Komponistinnen?

JS: Sie sind uns leider diesmal auf unterschiedliche Art und Weise abhanden gekommen: Ein Werk wurde nicht fertig, eines durften wir nicht zum gewünschten Zeitpunkt aufführen und so fort. Aber abgesehen davon spielt das CNZ genauso gerne Werke von Komponistinnen wie von Komponisten.

 

Ein Blick in die Zukunft: Die letzte Aufnahme mit dem CNZ ist 2015 erschienen. Planen Sie neue Einspielungen?

JS: Eventuell bringen wir im Jubiläumsjahr eine Jubiläums-CD heraus. Schon weitgehend fest steht eine Aufnahme mit Werken des amerikanisch-kubanischen Komponisten Jorge López, mit dem wir schon mehrfach zusammengearbeitet haben. Aber insgesamt sind CD-Produktionen finanziell ziemlich aufwändig und die Verkaufszahlen eher bescheiden. Gleichzeitig wollen wir aber die Werke, die wir spielen, lebendig halten. Deshalb stellen wir vermehrt auch Konzertmitschnitte auf unsere Webseite. Das ist für uns ein wichtiger Weg, um für Nachhaltigkeit zu sorgen.

Ist in Zukunft auch wieder ein «Conductor in Residence» geplant?

JS: Im Moment nicht, aber eine Art «Composer in Residence»: Eine intensivere Zusammenarbeit mit Martin Jaggi ist im Gespräch. Ausserdem würde ich mit dem CNZ auch gerne im Bereich Musiktheater aktiv werden. Vielleicht finden wir schon in der kommenden Saison eine Möglichkeit, eine Musiktheaterproduktion zu programmieren.

 

Was halten Sie von einem eigenen Saal für neue Musik in Zürich? Das wünschen sich viele in der Szene und die Tonhalle Maag, die in zwei Jahren wieder leer sein wird, wäre doch die ideale Gelegenheit.

JS: Ja, das wäre schön! Aber ich fürchte, falls die Tonhalle Maag denn weiter besteht, dass die kommerziellen Zwänge zu gross sein werden, um von der Neue-Musik-Szene gestemmt werden zu können. Aus diesen Gründen sind wir ja jetzt schon gezwungen, unsere Präsenz in der Tonhalle Maag zu reduzieren. Eine andere Möglichkeit wäre aber das Radiostudio Zürich mit seinem in Akustik und Grösse optimalen Saal.

Das CNZ 2014 bei Proben im Radiostudio Zürich mit seinem langjährigen Conductor in Residence Jonathan Stockhammer.

 

Sie geben momentan die Geschäftsleitung des CNZ ab, bleiben aber künstlerischer Leiter und treten gleichzeitig eine ähnliche Teilzeitstelle bei der Dresdner Philharmonie an.

JS: Ich muss nach acht Jahren feststellen, dass die Arbeit als Geschäfts- und künstlerischer Leiter auch verschleisst. Deshalb habe ich dem Ensemble vorgeschlagen, eine andere Struktur zu erarbeiten, in welcher die wirtschaftliche, die organisatorische und die künstlerische Verantwortung weniger verflochten sind.

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