Auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit

Panorama

Frauen sind in der Schweizer Musik untervertreten. Zahlen gibt es aber kaum. Um die Schieflage zu verstehen und zu verändern braucht es eine Studie.

Andrea Zimmermann - 2019-10-21
Auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit - Wie die Vorstudie des RFV zeigt, lag in den Jahren von 2008 bis 2017 der Frauenanteil in der Basler Popszene bei nur 10%. (Quelle: RFV)
Wie die Vorstudie des RFV zeigt, lag in den Jahren von 2008 bis 2017 der Frauenanteil in der Basler Popszene bei nur 10%. (Quelle: RFV)

Das Ergebnis der 2018 vom Popförder- und Musiknetzwerk RFV veröffentlichten Vorstudie «Frauenanteil in Basler Bands» war ernüchternd: Nur 10% der knapp 3000 aktiven Musiker*innen in Basler Bands sind weiblich*. Diese Situation entspricht nicht nur einer Momentaufnahme. Seit 10 Jahren ist die Basler Popmusik fest in männlicher Musikerhand.

Diese Erhebung für Basel gehört zu den wenigen Studien, die repräsentative Daten zu Genderfragen im Schweizer Musikbetrieb liefern. Andere Bilanzen und Argumentationsgrundlagen sind oft wenig systematisch erstellt – wenn zum Beispiel Medien den Anteil weiblicher Headliner in einer Festivalsaison zählen - oder sind unveröffentlicht, wie beispielsweise die Bachelorarbeit von Luz Gonzales zu Frauen*Repräsentation in der Clubkultur in Bern (2018). 

Ruf nach empirischen Daten

Auch wenn in den letzten Monaten vielerorts erste Anstrengungen unternommen wurden steht sie noch aus: eine solide empirische Erhebung zu den Geschlechterverhältnissen in der Schweizer Musikszene, die einen umfassenden Blick auf den Status Quo in den verschiedenen Genres ermöglicht.1 Diese Daten müssen professionell analysiert werden, um geeignete Förderinstrumente und -strategien entwickeln zu können.

Diese Statistiken von Helvetiarockt – der Schweizer Koordinationsstelle und Vernetzungsplattform für Musikerinnen* im Jazz, Pop und Rock – zeigt die Schieflage in der Schweizer Musikszene deutlich (Quelle: Helvetiarockt).
 

Um die derzeitige Situation, ihre Ursachen und Zusammenhänge besser zu verstehen, braucht es mehr als das Zusammentragen statistischer Daten. Es gilt darüber hinaus, den verschiedenen Akteur*innen aufmerksam zuzuhören, um mehr über jene Momente ihrer Biografie zu erfahren, an denen wichtige Entscheidungen pro oder contra Karriere gefällt werden und um aufzuschlüsseln, was zu Erfolg oder Misserfolg beiträgt. Ohne diese biographische Perspektive würde die Analyse zu kurz greifen. Dies möchte ich im Folgenden anhand des Beispiels vom Gender Pay Gap verdeutlichen.
 

Das Bild vom männlichen Genie 

Ist Genie männlich? Die Geschichte liefert genügend Bilder um das zu glauben.

Im Rahmen der Debatte um Geschlechterrollen wird immer wieder die Forderung laut, Gehälter und Honorare offenzulegen. Die Erhebung dieser Zahlen ist unbestritten ein wichtiger Schritt und wird den vermutlich eklatanten Gender Pay Gap der Musikbranche sichtbar machen.2 Um jedoch zu verstehen, wie es zu dieser Schieflage kommt, möchte ich aus Perspektive der Geschlechterforschung auf einen grösseren Zusammenhang verweisen. Das Bild des Künstlers – hier nicht zufällig in der männlichen Form – orientiert sich an Geschlechternormen, die wir mit «Männlichkeit» verbinden. 

Wie bereits mit Blick auf andere Kunstsparten gezeigt werden konnte3, lässt sich das – sicherlich ein wenig überspitzte – Bild des Künstlers so skizzieren: Der Künstler gilt als Genie, das alle seine Werke aus sich selbst und seiner Kreativität schöpft. Er brennt für sein künstlerisches Schaffen, dem er alles in seinem Leben letztlich unterordnet. Unabhängigkeit und Autonomie sind zentrale Bedingungen für erfolgreiches Wirken, charismatische Ausstrahlung verleiht ihm Autorität und Durchsetzungskraft. All diese Eigenschaften sind für «Männlichkeit», wie sie sich im Kontext einer bürgerlichen Geschlechterordnung herausgebildet hat, bezeichnend.

Veraltete Rollenvorstellungen

Unschwer lässt sich im Bild des männlichen Künstlers ein Lebensentwurf erkennen, in dem soziale Beziehungen und Familie nur eine untergeordnete Rolle spielen. Wir wissen aus Studien zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, dass es nach wie vor meist Männer sind, die auf traditionelle Arrangements zurückgreifen, die ihnen maximalen Spielraum ermöglichen. Frauen hingegen, die sich gegen alle Widerstände überhaupt für ein Leben als Künstlerin entscheiden, gelangen mehrheitlich zur Auffassung, dass Partnerschaft und Familie für sie nicht möglich sind. Wenn wir davon ausgehen, dass diese skizzierten Normen nach wie vor unsere Erwartungen an einen Künstler prägen, beeinflussen sie auch die Art und Weise, wie Kunst und Kunstförderung organisiert sind.

Um auf mein Beispiel zurückkommen: Was bedeuten diese Zusammenhänge für die Frage nach Löhnen und Honoraren? «Wer besser verdient, hat besser verhandelt.» So könnte man annehmen. Und vielleicht ist es in einer Umgebung, die sich implizit an Normen von Männlichkeit orientiert, für Personen, die diesen Normen nicht auf den ersten Blick entsprechen, tatsächlich sehr viel schwerer, sich durchzusetzen. Förderinstrumente greifen daher immer wieder auf Trainings zurück, die auch Frauen das entsprechende Verhandlungsgeschick und den notwendigen Durchsetzungswillen vermitteln sollen. Ganz im Sinne von «Fix the Woman».

Zahlen, die das Gender Pay Gap im Musik- und Kulturbereich belegen, gibt es nur für Deutschland: Hier das Jahresdurchschnittseinkommen der männlichen und weiblichen Versicherten in der deutschen Künstlersozialversicherung in den Berufsgruppen Wort, Bildende Kunst, Musik und Darstellende Kunst im Jahr 2014 in Euro (Quelle: Darstellung der Künstlersozialversicherung Deutschland).
 

«Fix the Structure» anstatt «Fix the Woman»

Wie wäre es, stattdessen stärker auf transparente Kriterien für einen gerechten Lohn zu setzen? Dann wäre die Bezahlung weniger vom möglichst geschickten Fordern der Künstler*innen abhängig. Vielleicht wäre es folglich notwendig, nicht ein Defizit beim Verhandlungsgeschick von Frauen zu konstatieren, sondern die Struktur und Grundlagen der Verhandlungsprozesse zu überdenken: «Fix the Structure»!4

Zudem müssen angesichts der gegenwärtigen Herausforderung eine künstlerische Karriere mit Familien- und Sorgearbeit zu verbinden, auch in der Musikbranche Lösungen dafür gefunden werden, Frauen mit familienbedingten Pausen einen gerechten Verdienst zu ermöglichen. Denn, solange die Familien- und Sorgearbeit in unserer Gesellschaft zum Grossteil von Frauen übernommen wird und solange künstlerische Karrieren entlang des skizzierten Ideals entworfen werden, wird der Gender Pay Gap im Karriereverlauf unweigerlich immer weiter zunehmen.

 

Was ist das Gender Pay Gap?

 

Gleich und Gleich gesellt sich gern

Im Verhandlungsprozess spielen auch Kriterien eine Rolle, die den Verhandlungspartner*innen nicht bewusst sein mögen: Beispielsweise fällt es Männern, die nach wie vor meist Verhandlungspartner und Entscheidungsträger sind, oftmals leichter, sich mit jungen Männern zu identifizieren. Dieses Wiedererkennen führt zu Sympathie und meist auch zu grösserer Unterstützung. Dieser Mechanismus, der natürlich nicht nur im Hinblick auf Geschlecht wirksam ist, waltet auch in grösseren Netzwerken. So haben viele Männer von Beginn an mehr Unterstützung als Frauen, was sich letztlich als wichtiger Faktor für eine Karriere erweisen kann. In diesem Sinne liesse sich sagen: «Wer besser verdient, hat die besseren Netzwerke.» 

Initiativen wie «Helvetiarockt», «SOFIA Support Of Female Improvising Artists» oder «Les Belles de Nuit» und Fördermassnahmen, welche Netzwerke zwischen Frauen aber auch zwischen den Geschlechtern stärken, sind folglich sicherlich sinnvoll. Um den weiblichen künstlerischen Nachwuchs zu fördern, sind zudem Mentoring-Programme wichtig zwischen denjenigen Frauen, die als Role Models dienen können und denjenigen, die durch diese Begleitung ermutigt werden, in den entscheidenden biographischen Momenten ihren Weg weiterzugehen. Kurz: Die erfolgreiche Verhandlung ist letztlich vielleicht doch nicht nur dem individuellen Verdienst und dem Talent des jeweiligen Künstlers zu verdanken, sondern beruht auf vielen Aspekten, die bedacht werden müssen, wenn die Musikszene geschlechtergerechter werden soll.

Die Female* Music Lab Song Sketches sind eins von vielen Förderinstrumenten von Helvetiarockt - der Schweizer Koordinationsstelle und Vernetzungsplattform für Musikerinnen* im Jazz, Pop und Rock.

 

Zeit für Wandel

In diesem Sinne ist eine ausführliche Analyse, die einen Überblick über den Ist-Zustand der Musikszene und anderer Sparten der Kulturwelt verschafft und dabei nicht nur auf Zahlen, sondern auf ein umfassenderes Verständnis der Verhältnisse abzielt, dringend notwendig. Dann ergeben sich Punkte, an denen die Kulturförderung und die verschiedenen Kulturbetriebe gemeinsam ansetzen können. 

Gemeinsam mit Pro Helvetia und dem Swiss Center for Social Research werden wir an der Universität Basel im Oktober 2019 damit beginnen, ein solches Forschungsvorhaben vorzubereiten.5 Auch wenn der Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Musikszene noch weit ist und die dafür notwendigen Veränderungen einen tiefgreifenden kulturellen Wandel voraussetzen, der sehr viel Zeit brauchen wird, so werden die ersten Schritte doch bereits unternommen. Wir befinden uns im Aufbruch.

Das B-Sides Festival am Frauenstreik 2019.

 

Dr. Andrea Zimmermann ist Oberassistentin am Zentrum Gender Studies der Universität Basel. Sie hat an der Universität Zürich zur Kritik der Geschlechterordnung im Theater der Gegenwart promoviert. Ab Oktober 2019 leitet sie das Forschungsprojekt „Geschlechterverhältnisse im Schweizer Kulturbetrieb – eine Vorstudie“, das gefördert wird von Pro Helvetia und CSR.

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1 Geschlecht wird in diesem Zusammenhang stets verknüpft gedacht mit weiteren Kategorien sozialer Ungleichheit. Aufgrund eines solchen intersektionalen Verständnisses von Geschlecht werden folglich auch Rassismus, Klassismus und weitere Diskriminierungsmechanismen in ihrer gegenseitigen Verschränkung in den Blick genommen.
2 Diese Annahme liegt nahe angesichts der Studie des Deutschen Kulturrats „Frauen in Kultur und Medien“ hg. von Gabriele Schulz, Carolin Ries, Olaf Zimmermann, 2016: Freiberufliche weibliche Kunstschaffende verdienen in Deutschland ganze 24 Prozent weniger als männliche. 
3 So bspw. Denis Hänzi: Die Ordnung des Theaters, Bielefeld 2013.
4 Diese Formulierung geht zurück auf die US-amerikanische Wissenschaftlerin Londa Schiebinger, die zu Geschlechterverhältnissen in den Naturwissenschaften forscht.
5 Im Rahmen der Vorstudie «Geschlechterverhältnisse im Schweizer Kulturbetrieb» werden wir bis Ende 2020 daran arbeiten, die wichtigsten Indikatoren für eine umfassende Kulturstudie zu bestimmen und die bereits vorhandenen Daten zusammenzutragen.

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