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Aus alt mach neu

Die Tage für Neue Musik Zürich werden zur Biennale. 2017 dient das unkuratierte Festival Focus Contemporary – Zürich-West als Überbrückung.

Gabrielle Weber - 2017-11-02
Aus alt mach neu - Das Toni-Areal in Zürich-West, seit 2014 Campus der Zürcher Hochschule der Künste, bildet zusammen mit der Tonhalle Maag das Zentrum des neuen Festivals.
Das Toni-Areal in Zürich-West, seit 2014 Campus der Zürcher Hochschule der Künste, bildet zusammen mit der Tonhalle Maag das Zentrum des neuen Festivals.
Aus alt mach neu -

Die traditionsreichen, bislang jährlich stattfindenden Tage für Neue Musik Zürich (TfNMZ) sollen gemäss Sparvorgaben der Stadt nach einer einjährigen Pause ab 2018 nur noch im Zweijahrestakt stattfinden. Dass die Musikstadt Zürich neueste Musik in konzentrierter Form auch dieses Jahr im November brauche, stand jedoch für René Karlen, Leiter des Ressorts E-Musik der Stadt Zürich, ausser Frage. Mit seiner Vision, 2017 «kein Loch im Festivalrhythmus» entstehen zu lassen, stiess er denn auch auf offene Türen.

Keine Überredungskunst habe es gebraucht, um die bewährten Partner, die Tonhalle Zürich und die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), mit ins Boot zu holen. Dazu kamen das Collegium Novum Zürich (CNZ) wie auch die städtische Konzertreihe Musikpodium, beide spezialisiert auf aktuelle Musik. Aber auch Veranstalter, die noch kaum Zeitgenössisches programmierten, wie das Zürcher Kammerorchester (ZKO), «wollten unbedingt dabei sein», so Karlen. Das Resultat: Das Festival Focus Contemporary – Zürich-West.

Das CNZ unter Leitung von Lothar Zagrosek im Oktober 2017 in der Tonhalle Maag. Solist an der Oboe ist Matthias Arter, dessen «Am Rhein» am 9. November bei den Tagen für Neue Musik zur Uraufführung kommt. © François Volpe

 

Ein Festival mit wandelhafter Geschichte

Der städtische Entscheid, die TfNMZ nur noch biennal abzuhalten, befremdet, schauten doch die Macher des 1986 von den Komponisten Gérard Zinsstag und Thomas Kessler ins Leben gerufenen Festivals der Gegenwartsmusik anlässlich von dessen 30-jährigem Bestehen 2016 hochmotiviert in die Zukunft. Zudem fand 2012 mit der Einführung von jährlich wechselnden Kuratoren ein Richtungswechsel statt, mit dem man einer möglichen Stagnation begegnen wollte. Denn auf acht Jahre künstlerischer Leitung durch Zinsstag/Kessler folgte eine ähnlich lange Phase unter der Ägide von Walter Feldmann. Danach versprach man sich vom Zweierteam Mats Scheidegger und Nadir Vassena neuen Schwung.

In der folgenden Kuratorenära prägten die Handschriften unterschiedlicher Generationen, Gender und Vorlieben das Gesicht der TfNMZ. Es jagten sich Highlights wie auch die Öffnung zu anderen Formaten, Sparten oder musikalischen Regionen. So stark gerieten die TfNMZ in Bewegung, dass in der Zürcher Neue-Musik-Szene der Vorwurf der Diskontinuität laut wurde.

 

Fünf Partner, fünf Programmkonzepte

Focus Contemporary – Zürich-West zeigt sich nun mit sieben Konzerten an sechs aufeinanderfolgenden Tagen. Zum Festivalauftakt unter dem Motto East meets West & West meets East bespielt das ZKO unter Roland Kluttig den ZKO-Saal mit Werken von Rudolf Kelterborn, Toshio Hosokawa und anderen.

Die erst im September 2017 eingeweihte Tonhalle Maag bildet nebst dem Toni-Areal das Festivalzentrum: Mit der Aufführung von Werken des Australischen Komponisten Brett Dean, Creative Chair des Tonhalle-Orchesters in der laufenden Saison, und einem Gastspiel des Australian Chamber Orchestra verleiht die Tonhalle Maag dem Festival einen internationalen Touch.

Der Grosse Saal in der Tonhalle Maag dient als provisorische Unterkunft des Tonhalle-Orchesters während der Sanierung von dessen Heimatsaal. © Hannes Henz

 

Das CNZ hebt ein neues Werk des in Berlin lebenden polnischen Komponisten Wojtek Blecharz aus der Taufe und bringt die Tonhalle Maag mit Rebecca Saunders’ Stasis räumlich zum Klingen. Im Toni-Areal präsentieren die Ensembles æquatuor und Lémur Uraufführungen der Schweizer Komponisten Matthias Arter, Michael Pelzel und Alfred Zimmerlin. Fragmente aus Germán Toro-Pérez’ multimedialem Musiktheater Reise nach Comala sind in der Klangregie des Komponisten zu hören, und das ZHdK-Ensemble Arc-en-Ciel präsentiert unter der Leitung von Jonathan Stockhammer Werke von Ondřej Adámek und Dmitri Kourliandski.

 

Zürich-West als neuer Nährboden

Das diesjährige, nicht kuratierte Festival mag etwas patchworkartig daherkommen. Das Engagement der einzelnen Akteure, die alle nicht nur inhaltlich, sondern auch finanziell eigenverantwortlich zeichnen, überzeugt hingegen. Was den TfNMZ am Standort in der «alten» Tonhalle bislang abging, war eine modern-ungezwungene Atmosphäre, die eher in- als exkludiert. Im Festivalzentrum Tonhalle Maag im Zürcher Industriequartier stellt sich eine solche sicherlich von selbst ein. Vielleicht wird Focus Contemporary – Zürich-West dadurch zu einem Festival der Begegnung und des Austauschs über neueste Musik für ein breites Zürcher Publikum und trägt dazu bei, die Zürcher Kulturpolitik umzustimmen – und aus der gefüllten Lücke wird eine neue Keimzelle.

 

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