Porträt & Reportage

Dichtestress macht Qualität

Seit 2011 wurden in Basel eine ganze Reihe von Neue-Musik-Ensembles gegründet. Woher der Trend rührt und was er für Konsequenzen nach sich zieht.

Anja Wernicke - 2018-06-21
Dichtestress macht Qualität - Too Hot To Hoot?
Too Hot To Hoot?
Dichtestress macht Qualität - Ensemble This | Ensemble That
Ensemble This | Ensemble That
Dichtestress macht Qualität - Ensemble Inverspace
Ensemble Inverspace
Dichtestress macht Qualität - ensemble viceversa
ensemble viceversa
Dichtestress macht Qualität - Ensemble Lemniscate
Ensemble Lemniscate
Dichtestress macht Qualität - neuverBand
neuverBand
Dichtestress macht Qualität - Eunoia Quintett
Eunoia Quintett

Wie Pilze schiessen sie aus dem fruchtbaren Basler Boden – die jungen Ensembles, die sich dem zeitgenössischen Musikschaffen widmen. Grund dafür ist der Studiengang Master of Arts in Spezialisierter Performance mit dem Profil Zeitgenössische Musik, der 2009 an der Hochschule für Musik FHNW in Basel eingerichtet wurde. Die drei Tutoren Jürg Henneberger, Mike Svoboda und Marcus Weiss arbeiten vor allem kammermusikalisch mit den Studierenden. Die Ergebnisse werden von dem studiengangseigenen ensemble zone expérimentale aufgeführt.

 

Fluch und Segen der diversen Basler Ensemblelandschaft

Haben die Studierenden ihren Master beendet, entsteht schnell der Wunsch diese Arbeit mit einem eigenen Ensemble fortzusetzen. Manche haben feste Besetzungen wie Bands (siehe Eunoia Quintett, Ensemble This I Ensemble That), andere sind variabler (Ensemble Lemniscate, neuverBand). Einige sind in Basel fest verwurzelt (so ensemble viceversa), andere vor allem im Ausland unterwegs (zum Beispiel Ensemble Inverspace). Obwohl die Musikerinnen und Musiker auch einen intensiven Austausch pflegen und einige in mehreren Ensembles parallel tätig sind, weisen die einzelnen Ensembles spezifische Strategien und Profile auf. Werden es nicht irgendwann einmal zu viele? Marcus Weiss sieht die Entwicklungen positiv: «Durch die grosse Dichte sind die Anforderungen gestiegen.» Und damit auch die Qualität.

 

Als erstes Ensemble in dieser Reihe hat sich das Eunoia Quintett gebildet, das fast den gesamten ersten Studienjahrgang vereint. Mit zahlreichen Konzerten im Basler Gare du Nord und über 20 Uraufführungen gehören sie zu den aktivsten dieser neuen Ensembles. Sie haben vor allem mit Musiktheaterproduktionen wie The Vacuum Pack von Carola Bauckholt und Dmitri Kourliansdski sowie One Shot Train von François Sarhan auf sich aufmerksam gemacht. Von Anfang an war das Ensemble demokratisch organisiert.

The Vacuum Pack von Carola Bauckholt und Dmitri Kourliandsky

Dass mittlerweile so viele Ensembles auf dem Markt sind, sieht Eunoia-Posaunist Stephen Menotti auch kritisch: «Neugründungen sind attraktiv für Stiftungen und Publikum. Da ist es schade, wenn durch das grosse Angebot Konzerte parallel stattfinden und dann das Publikum ausbleibt. Da sollte es mehr Austausch geben. Aber generell ist die Szene doch harmonisch und nicht besonders kompetitiv.»

 

Jeder mit jedem und allen ihr eigenes Profil

Mit Sopran, Posaune, Klavier, Schlagzeug und Cello ist Eunoia Quintett recht nah an der typischen Pierrot-Besetzung, während andere Ensembles deutlich exotischer aufgestellt sind, wie das Ensemble Too Hot To Hoot? mit Akkordeon, Harfe, Saxophon und Schlagzeug oder die vier Schlagzeuger des Ensembles This I Ensemble That. Letzteres kann man wohl zu den international erfolgreichsten Ensembles zählen mit Auftritten bei den Darmstädter Ferienkursen oder dem Heidelberger Frühling. ETIET, wie das Ensemble sich kurz nennt, zeichnet sich durch enorme technische Präzision sowie clever zusammengestellte Programme aus, die häufig auch Licht und andere szenische Elemente einbeziehen.

trugschluss #7 nacherleben - Doku

Ebenso wie ETIET hat auch das Ensemble Lemniscate den dezidierten Wunsch, kuratierte Programme zu gestalten, die konzeptuelle Überlegungen einbeziehen. Seit 2017 haben sie dafür den Komponisten Ricardo Eizirik als künstlerischen Leiter im Team. Eizirik bringt bereits Erfahrungen im Veranstalten mit und versteht sich als Kurator, der alle Parameter eines Konzerts mitgestaltet. Seine Idee war es, mit dem Projekt Swingers ∞ Club Kontakt zu anderen Ensembles aufzunehmen und Programme auszutauschen. So werden in der kommenden Saison das Ensemble Zafraan aus Berlin und das Ensemble hand werk aus Köln jeweils Lemniscate-Programme spielen und anders herum. Seit kurzem ist ausserdem der Komponist Andreas Eduardo Frank als zweiter künstlerischer Leiter an Bord.

Tempor von Gérard Zinsstag

Eizirik betont, dass trotz der konzeptuellen Überlegungen, die an Bedeutung gewinnen, die Qualität des Instrumentalspiels nicht in den Hintergrund treten soll. Das hat wiederum auch mit der Basler Ausbildung zu tun, wie sich aus dem Gespräch mit Marcus Weiss erkennen lässt: «Wir haben hohe instrumentaltechnische Ansprüche, orientieren uns aber auch an den Ästhetiken und Methoden der New Discipline, die sich mit ihrem Composer-Performer-Modell, dem starken Multimedia-Einsatz sowie einer gewissen Do-it-yourself-Mentalität seit etwa zehn Jahren in der neuen Musik herausgebildet hat.» Somit darf man gespannt sein, nicht nur auf die Projekte der bestehenden Ensembles, sondern auch auf das, was der Basler Boden in Zukunft noch hervorbringen wird.

0:00
0:00