Porträt & Reportage, Bericht

Die Landschaft als Partitur

Die Schweizer Site-specific-Festivals Neue Musik Rümlingen und La Via Lattea trennen gut 193 km Luftlinie. Ihre Wege kreuzen sich dennoch vielfach.

Lisa Nolte - 2017-10-18
Die Landschaft als Partitur - Ton&Tal auf dem Weg von Häfelfingen nach Bad Ramsach © Kathrin Schulthess (2013)
Ton&Tal auf dem Weg von Häfelfingen nach Bad Ramsach © Kathrin Schulthess (2013)
Die Landschaft als Partitur - La Via Lattea 2007
La Via Lattea 2007
Die Landschaft als Partitur - «Kontinuum» für Wind und Klangler beim Festival Rümlingen 2010 © Kathrin Schulthess
«Kontinuum» für Wind und Klangler beim Festival Rümlingen 2010 © Kathrin Schulthess

Ein schmaler rosa Streifen schiebt sich zwischen den schwarzen Himmel und die Häuser in der Ferne. Von der anderen Seite des Feldes ziehen leise Tonschwaden herüber. Glockenschlagartige Impulsen, die in regelmässigen Abständen ihre Wellen über die erwachende Landschaft breiten. Es hat nur kurz genieselt in dieser Augustnacht, gerade genug, um die Füsse zwischen Feldbett und Filzdeck einzufrieren. Jede Körperfaser schreit nach Bewegung. Doch die Schlafenden, die die Nacht auf ihren Pritschen aufgereiht verbracht haben, erheben sich nur sehr allmählich. Etwas in ihnen scheint sich zu scheuen, die Situation aufzulösen.

Erwachen auf dem Feld beim Festival Rümlingen 2016 © Kathrin Schulthess

 

«Natürlich war das Frieren an sich nicht schön», sagt Sylwia Zytynska – Schlagzeugerin und seit 26 Jahren Mitglied der Programmgruppe des Festivals Rümlingen – im Rückblick auf das Finale der Ausgabe 2016. «Aber es hat dazu beigetragen, dass mein Körper und ich eine ganz andere Wahrnehmung bekamen. Ich hatte Tom Johnsons Nine Bells schon mehrmals gehört, aber so wie dort habe ich es nie gespürt.»

 

Ein Kind von Rümlingen

Es sind unwiederbringliche, nicht selten auch grenzwertige Erlebnisse wie dieses, die Neugierige seit bald drei Jahrzehnten im Sommer ins Basler Umland ziehen. Unter ihnen war Ende der 1990er auch Mario Pagliarani, Tessiner Komponist und Festivalleiter. «La Via Lattea ist vielleicht eine Art Kind von Rümlingen. Für mich war es wesentlich, dorthin zu gehen. Ich bin nicht glücklich mit normalen Konzerten zeitgenössischer Musik. Ich finde sie oft sehr langweilig. Ich habe mir gedacht: Ich muss etwas machen für meine Musik, um das zu verhindern.»

Mario Pagliarani (rechts) und die Harfenistin Arianna Camani beim Festival Rümlingen 2014 © Kathrin Schulthess

 

Bis zur ersten Ausgabe seines eigenen Festivals dauerte es allerdings noch bis ins Jahr 2004. Dabei mag nicht zuletzt die besonnene, fast skrupulöse Art mitgespielt haben, auf die Pagliarani La Via Lattea programmiert, oder, um es in seinen eigenen Worten zu sagen: «die Pilgerreise komponiert auf der Partitur, die die Landschaft ist».

Auf den zweiten Blick sehr praktisch: Die Flyer von La Via Lattea sind Programmübersicht und Landkarte in einem.

 

Kontemplation ist bei La Via Lattea eine ständige Begleiterin. Oft wird schweigend und lauschend mit Booten oder Bussen, meist jedoch zu Fuss die weitere Gegend um Pagliaranis Heimatort Mendrisio erschlossen. Im August 2017 begegnete dem Pilger auf diesem Weg unter anderem ein Orpheus im Kapuzenpulli, der auf einem Findling im Bergbach sitzend den Tod seiner Eurydike besang. In einem Tunnel erwartete ihn ein Frauenvokalensemble mit Beat Furrers flirrendem a sei voci, einer Neukomposition auf Alessandro Striggios Textgrundlage für den verschollenen Coro delle Baccanti aus Claudio Monteverdis Oper L’Orfeo (1607).

Jacopo Facchini als Orfeo bei La Via Lattea 14 © Alessandro Tomarchio

 

Über Kantons- und Landesgrenzen hinaus

Im November 2017 weitet La Via Lattea seinen Radius bis nach Italien aus: Als Festivalepilog werden dann a sei voci und Kompositionen von Claire-Mélanie Sinnhuber, Erik Oña und Mario Pagliarani in Venedig aufgeführt. Unter dem Titel Il cammino d’Orfeo führt RSI Radiotelevisione Svizzera Aufnahmen von diesen Aufführungen und vom Sommerfestival im Tessin zu einer Radio-Oper zusammen.

Das wird allerdings nicht das erste Mal sein, dass das Festival über die Grenzen des Tessins hinausgeht: 2013 war es Startpunkt von Ton&Tal, einem Gemeinschaftsprojekt unter anderem mit den Festivals Rümlingen, Alpentöne Altdorf und Klangspuren Schwaz. Werke von Komponisten und Komponistinnen wie Annette Schmucki, Urban Mäder, Daniel Ott und Heinz Holliger waren an zahlreichen Stationen von Airolo über Rümlingen bis Tirol zu erleben.

Ton&Tal in der Pfistergasse in Luzern © Kathrin Schulthess (2013)

 

Ob eine solche Zusammenarbeit zwischen La Via Lattea und dem Festival Rümlingen nochmals möglich wäre? «Es ist ein grosser Traum von uns, mal ein Festival von Chiasso nach Basel zu machen», so Sylwia Zytynska. «Was uns verbindet, ist die Arbeit am Publikum. Als ich letzten Sommer bei La Via Lattea gespielt habe, hat sich das angefühlt wie in Rümlingen. Da kamen plötzlich all diese Menschen mit ihren Stöcken, nicht vorbereitet für ein Konzert, sondern für eine Wanderung. Und das waren nicht nur Leute aus der Region, sondern von überall. Was ich bei diesen Wanderungen unheimlich toll finde, ist das gemeinsame Erleben. Man kennt das Publikum, man geht ein Stück weit zusammen. Das ist etwas anderes als in einem Konzertsaal.» Und doch ist Rümlingen nicht in jedem Jahrgang das Festival, das sein Publikum mit Klängen wie an einem Geländer entlang durch die Basler Landschaft leitet.

Konzert mit Sylwia Zyztynska und Marcus Weiss bei bei La Via Lattea 14 in der Cava del biancone im Parcours delle Gole della Breggia © Alessandro Tomarchio

 

Landschafts-Oper für Rümlingen

In der mittlerweile sechsköpfigen Programmgruppe, die mit Protagonistinnen und Protagonisten aus den Bereichen Komposition, Interpretation, Dramaturgie und Journalismus besetzt ist, alternieren die Rollen: «Eine Person hat eine Idee für ein Festival. Dann sitzen wir zusammen und denken laut über diese Idee nach. Aus diesem Denken kommen dann zwei künstlerische Leiter hervor, die die Idee übernehmen und weiterspinnen. Wir haben alle unsere vorlieben… Christian Dierstein und Marcus Weiss sind darum eher für Konzerte in geschossenen Räumen zuständig», erklärt Zytynska.

 

Für 2018 ist jedoch wieder eine Landschafts-Oper vorgesehen. Unter der künstlerischen Leitung von Zytynska und Daniel Ott werden dann Uraufführungen für die Gegend um Rümlingen zu erleben sein von sieben Komponisten, die beim Festival keine Unbekannten sind. Auf die Frage, ob das vermehrte Aufkommen von Schweizerinnen und Schweizern im Rümlinger Programm damit zusammenhänge, dass die Kenntnis der Landschaft notwendig sei, um dafür zu komponieren, sagt Zytynska: «Wir handeln in Rümlingen ein bisschen nach dem Prinzip Singende Schnecke. Das ist ein Stück von Hans Wüthrich mit dem Untertitel Anweisungen zum imaginären Hören. Es wurde 1990 bei der Erstausgabe von Rümlingen aufgeführt und ich denke immer, dass diese Singende Schnecke bei uns geblieben ist wie ein Motto. Unser Motto stammt also von einem Schweizer. Diese anderen Wege, die Musik zu hören, damit beschäftigen sich hier überdurchschnittlich viele Komponisten.»

 

Wie beim Festival Rümlingen, treffen auch bei La Via Lattea verschiedene Kunstsparten von der Literatur bis zur Architektur auf akustische Spielformen. «Der grosse Unterschied ist, dass wir Musik sämtlicher Epochen präsentieren. Das kommt von mir, denn ich bin sehr neugierig gegenüber der Musik aller Zeiten», erklärt Pagliarani, «aber es ist auch wichtig für unser Publikum. Es wäre unmöglich gewesen vor vierzehn Jahren, bei uns im Tessin, einer kleinen Region, ein Programm wie in Rümlingen zu machen. Vielleicht ginge das jetzt.»

 

Mehr zeitgenössische Musik bei La Via Lattea

Dieses Jahr gab es bei La Via Lattea aussergewöhnlich viele Uraufführungen. Dem solle künftig mehr Raum gegeben werden, auch wenn das laut Pagliarani ökonomisch schwierig sei. «Ich finde es wichtig, dass La Via Lattea auch eine musikalische Werkstatt ist. Das Programmieren von Schweizerischen Komponisten hat natürlich auch finanzielle Gründe. Es wäre anders bei vielen Unterstützern unmöglich, finanzielle Hilfe zu erhalten. Aber ich möchte trotzdem mit Komponisten aus aller Welt arbeiten. Ich möchte nicht zuviel über die Zukunft sprechen, aber wir planen zum Beispiel ein grosses Projekt mit Gérard Pesson, einem Komponisten, der mir sehr gefällt, der aber kein Schweizer ist.»

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