Bericht

Die Mensch-Maschine

Das Festival Archipel 2018 beleuchtet das Verhältnis der Zivilisation zu den Produkten ihres Fortschritts und bedient damit sein ureigenes Thema.

Johannes Knapp - 2018-03-31
Die Mensch-Maschine - © Volpe Photography
© Volpe Photography
Die Mensch-Maschine - William Blank (links) und Stefano Gervasoni (rechts) bei Proben zu «Cappricio ostico» © Volpe Photography
William Blank (links) und Stefano Gervasoni (rechts) bei Proben zu «Cappricio ostico» © Volpe Photography
Die Mensch-Maschine - Katharina Rosenberger, Marc Texier und Michael Pelzel (v.l.n.r.) beim Festival Archipel 2018 © Volpe Photography
Katharina Rosenberger, Marc Texier und Michael Pelzel (v.l.n.r.) beim Festival Archipel 2018 © Volpe Photography

Mit Anbruch des Frühlings weht in Genf ein frischer Wind. Von Müdigkeit ist beim Festival Archipel, das vom 15. bis zum 25. März stattfand, auch über zweieinhalb Jahrzehnte nach seiner Gründung nichts zu spüren. Obgleich sich das traditionsreiche Schweizer Festival für zeitgenössische Musik in seinen Dimensionen schon ausladender präsentiert hat, bedient es wie eh und je das tiefe menschliche Bedürfnis, Neues kennenzulernen. Und das kommt nun einmal in den grossen Kultursupermärkten weniger zur Geltung als in einem sorgfältig eingerichteten Schaufenster.

Das Motto der diesjährigen Festivalausgabe lautete «Ecce Robo». Nicht selbstverständlich: Was draufstand, war meistens auch drin. Das ist in erster Linie der intelligenten, musikalisch motivierten Programmgestaltung von Marc Texier zu verdanken. Sie galt dem Thema «Mensch und Maschine», den immer durchlässigeren Grenzen zwischen beiden, dem Stellenwert des Computers in der Musik von heute, neuesten Entwicklungen in der Robotik und dem Einfluss der Technologie auf die kompositorische Vorstellungskraft.

 

Gegeneinander und Miteinander

Letzterem Aspekt etwa geht der französische Komponist David Hudry in Machina Humana auf den Grund, einem Werk für 18-köpfiges Ensemble und Live-Elektronik, komponiert im Auftrag von Lemanic Modern Ensemble und Archipel und uraufgeführt am ersten Festivalwochenende. Maschinenklänge, aufgenommen im Arve-Tal, dem von Genf bis nach Chamonix sich erstreckenden Silicon-Valley der Drehteil-Industrie, standen dem natürlichen Klang des Ensembles gegenüber, das William Blank mit präziser Gestik durch die melodisch eher eingängige aber rhythmisch komplexe Partitur zu navigieren wusste. Wenn aber der Instrumentalklang in Echtzeit elektronisch transformiert wurde, verschmolz die «menschliche» Klangwelt in der spröden Akustik des Alhambra mit der «maschinellen» zu einem spannungsgeladenen Ganzen.

Lemanic Modern Ensemble beim Festival Archipel am 16. März 2018 im Alhambra © Volpe Photography

 

Im Cappriccio ostico von Stefano Gervasoni, das zu Beginn desselben Konzerts als Schweizer Erstaufführung erklang, geht es irrationaler, feinnerviger, subtiler zu: eine Musik, die sich dem einfachen interpretatorischen Zugriff widersetzt, weil technische wie kognitive Stolpersteine in ihre Faktur eingelassen sind (it. ostico = hart, schwierig, zäh). Die bizarr schöne Instabilität im Klanggeschehen und die überraschenden Brüche in der Form haben ihre Wirkung denn auch nicht verfehlt.

 

Neue Schweizer Vokalmusik

Katharina Rosenberger at the Festival Archipel 2018 ​© Volpe Photography

Zu den Höhepunkten des Festivals zählte auch das Konzert der Neuen Vocalsolisten in der vor anderthalb Jahren wiedereröffneten Salle Trocmé. Deren ausgezeichnete Akustik brachte einen rund 40-minütigen Ausschnitt aus Katharina Rosenbergers Vokalperformance Tempi agitati (2016) voll zur Geltung. Stimmklänge, Körperbewegungen, gesprochene Worte (Petrarca) und Personenführung, und das alles geprägt vom rhythmischen Duktus von Rosenbergers Musik, ergaben im Zusammenwirken mit Musikfragmenten des franko-flämischen Renaissancemeisters Adrian Willaert eine vereinnahmende Raumpolyphonie. Es war, als führte die Geschichte direkt zur Gegenwart, die wiederum die Perspektive auf die Geschichte erhellte.

 

The Neuen Vocalsolisten of Stuttgart at the Festival Archipel 2018 (Salle Trocmé) © Volpe Photography

Oscar Bianchis Ante Litteram indessen führte in die Sprachwelten von David Foster Wallace, Friedrich Nietzsche und eines uralten tantrischen Textes. Aus der Taufe gehoben wurde zudem ein weiterer Teil (Buch) von Mischa Käsers Präludien-Zyklus, in dem er die expressiven Möglichkeiten des Vokalensembles auslotet und mittels einprägsamer repetitiver Elemente und exotischer Gesangstechniken zu einer bizarren Narration findet.

Die Uraufführung von Michael Pelzels Etüdenbuch zu «Diabelli» schliesslich bot einen Vorgeschmack auf sein noch in der Entstehung befindliches Werk für die Oper: keine Oper im eigentlichen Sinne, liess der Komponist im vorangegangenen Künstlergespräch verlauten, sondern selbst eine Art Etüde. Ähnlich wie Hermann Burgers groteske Diabelli-Erzählung, die dafür den Stoff liefert, weist diese Musik über sich hinaus, wie das Fragment eines hypothetischen Ganzen, das erst noch entdeckt werden möchte.

0:00
0:00