Dossier

Die Neue Schweizer Volksmusik

Panorama

Die Volksmusik in der Schweiz hat in den vergangenen Jahrzehnten einen grossen Auftrieb erfahren. Ein Dossier über die neue Lust an der Tradition.

Johannes Rühl - 2020-09-11
Die Neue Schweizer Volksmusik - © Johannes Rühl
© Johannes Rühl

Seit den 1990er-Jahren hat die Schweizer Volksmusik einen einzigartigen Aufschwung erfahren. Die neue Lust an der Tradition hatte starke Impulse von aussen, wurde auch von Musiker*innen anderer musikalischer Genres mit angestossen. Heute ist sie längst auch in der Traditionellen Szene angekommen und ein Ende der neuen Begeisterung für diese Erneuerung ist nicht in Sicht.

Das Phänomen ist eigentlich nicht neu. Die Volksmusik zeichnete sich schon immer dadurch aus, dass sie sich stets dem Geschmack der Zeit anpasste. Seit der Romantik gehört sie in vielen europäischen Ländern zum nationalen Wertekanon und hat um 1900 eine zunehmend breite gesellschaftliche Akzeptanz erfahren. So entwickelte sich auch in der Schweiz aus vielen regionalen Traditionen eine Musik, die zur Schweizerischen Volksmusik wurde. In den 1920er-Jahren entstand daraus in den urbanen Zentren eine Unterhaltungsmusik, die man «Ländlermusik» nannte und eine Besonderheit im Alpenraum darstellt.

Im Gegensatz dazu hat sich die Volksmusik in den italienischsprachigen Landesteilen an der lombardisch-piemontesischen Tradition orientiert. Die Westschweiz kann auf keine solche Entwicklung zurückgreifen, weil es sie nicht gegeben hat. Insofern ist die Vorstellung einer einheitlichen «Schweizer Volksmusik» als nationale Musik eine Fiktion. Gemeint ist meistens eine Musik aus den deutschsprachigen und rätoromanischen Regionen des Landes.

In den politisch aufgeladenen Jugendkulturen ab den 1970er-Jahren, vor allem aber nach 1990 wurde auch in der Schweiz die Volksmusik zunehmend zum Aktionsfeld von Musiker*innen aus anderen musikalischen Genres. Diese Musik wurde zu einem Sammelbecken, in dem sich Musiker*innen aus verschiedenen Genres und Szenen in einem kreativen Austausch begegneten und entfaltet haben.

Die neue Lust am Experimentieren und der spielerische Umgang mit dem einst von vielen abgelehnten Traditionsmaterial erfasste Musiker*innen, Veranstalter, Labels, Förderer und ein stetig wachsendes, begeistertes Publikum. Das äusserst vielfältige Phänomen wird heute meist unter dem Begriff «Neue Schweizer Volksmusik» zusammengefasst, ist aber in Wirklichkeit nur schwer auf einen Nenner zu bringen. Wichtiger Motor dieser Entwicklung ist die Hochschule in Luzern, wie auch die vielen Musikfestivals und Veranstalter, die in den vergangenen Jahren dieser lebendigen Musik eine Bühne gegeben haben.

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