Bericht

Märchenhafte Reibungswärme

Mit Papito setzt Erika Stucky ihrem Vater ein Denkmal. Mit dabei: der Klangtüftler FM Einheit und das La Cetra Barockorchester.

Stefan Strittmatter - 2017-12-28
Märchenhafte Reibungswärme - Erika Stucky ©Mirco Taliercio
Erika Stucky ©Mirco Taliercio
Märchenhafte Reibungswärme - Erika Stucky, FM Einheit & La Cetra ©Francesca Pfeffer & Fokke Hoekman
Erika Stucky, FM Einheit & La Cetra ©Francesca Pfeffer & Fokke Hoekman
Märchenhafte Reibungswärme - Erika Stucky & Andreas Scholl (countertenor) ©Fokke Hoekman
Erika Stucky & Andreas Scholl (countertenor) ©Fokke Hoekman

Man muss mit dem Schlimmsten rechnen, als die ersten drei Besucherreihen mit Metzgerschürzen ausgestattet werden. Geht es bei dieser als «Metzgete» angekündigten Veranstaltung am Ende gar blutig zu? Auch das Bühnenbild lässt eher auf ein Gegen- als ein Miteinander der involvierten Akteure schliessen. Rechts auf der halbrunden Bühne des Basler Gare du Nord warten ein Cembalo und vier Notenpulte auf die Musikerinnen und Musiker des hiesigen Barockorchesters La Cetra. Links hängen schwere Stahlspiralen von der Decke, ein Eimer Schutt steht bereit und dahinter ein Laptop. Das ist der Arbeitsplatz des Dortmunder Klangkünstlers FM Einheit (bürgerlich Frank-Martin Strauss). Zwischen diesen Welten wartet ein einsames Mikrofon auf Erika Stucky, die Mittlerin und Anstifterin dieser Klang-Kollision.

Erika Stucky & Andreas Scholl (countertenor) ©Fokke Hoekman

 

Geräusch und Klang

Es habe durchaus Phasen gegeben, in denen ihr die eigene Anfangseuphorie etwas Angst gemacht habe, sagt Stucky beim Gespräch vor der Premiere zur «destillierten» Version von Papito (das Stück wurde im Sommer in grösserer Besetzung und mit Countertenor Andreas Scholl dargeboten). Schliesslich stelle sich erst in den Proben heraus, ob eine gewagte Kombination auf der Bühne auch funktioniert. Dass sie mit FM Einheit einen gemeinsamen Nenner finden würde, daran habe sie jedoch keine Sekunde gezweifelt, so die 55-jährige Sängerin mit Wurzeln in San Francisco und im Oberwallis. Und der vier Jahre ältere Musiker, der in den 80er-Jahren als Mitglied der Industrial-Avantgardisten Einstürzende Neubauten die Grenze zwischen Geräusch und Klang erforscht hat, stimmt ihr zu: «Wir verstehen uns intuitiv, ohne dass wir alles zerreden müssen.»

 

Engels-Chor und Gummihammer

Wie sich der wortlose Diskurs zwischen den zwei ausdrucksstarken Künstlern abspielt, bekommt das Publikum im ausverkauften Gare du Nord bereits im Opener vorgeführt: Während sich Stucky mit dem Rücken zum Publikum und der Ruhe einer grossen Jazzerin durch die acht Strophen des Wiegenlieds Hush little baby, don't say a word singt, malträtiert FM Einheit mit einem Akkubohrer seine Utensilien. Manchmal schlägt er mit dem Gummihammer gegen die dickere der beiden Spiralen, und ein Beben breitet sich im Raum aus. Doch ist der schwarz gekleidete Mann mit den schneeweissen Haaren kein musikalischer Grobmotoriker. Von ihm stammt in diesem eröffnenden Stück auch die harmonische Fläche, die er vom Computer aus steuert, und die zwischen Engelschor und Synthesizer oszilliert. Die echten Streicher von La Cetra indes treten vorerst kaum in Erscheinung, die zwei Musikerinnen und zwei Musiker arbeiten sich erst langsam in den von Erika Stucky und FM Einheit dominierten Klangkosmos vor.

Erika Stucky, FM Einheit & La Cetra ©Francesca Pfeffer & Fokke Hoekman

 

Kindheitserinnerung und Tagtraum

In Stuckys Eigenkomposition Flamingo Town etwa übernimmt das Violoncello (Bernadette Köbele) die Rolle des Basses; anders als auf der Albumversion gerät die vertonte Kindheitserinnerung nicht elegisch getragen, sondern lasziv-bluesig. Die Violinen (Lathika Vithanage und Christoph Rudolf) schmiegen sich an die farbenprächtigen, obwohl nur skizzierten Akkorde. Kurzzeitig droht Stuckys Stimme, die durch das 90-minütige Programm lustwandelt wie ein staunender Besucher durch einen exotischen Garten, die gedeckten Saiteninstrumente zu übertönen. Doch genau in diesen Momenten entsteht so etwas wie Reibungswärme zwischen den Klängen, was das zuweilen etwas gar verträumte Programm erdet.

Wenn das perlende Cembalo (Johannes Keller) in Randy Newmans Marie gegen das brodelnde Industrie-Blubbern von FM Einheit anspielt, wenn sich diese durch Jahrhunderte der Musikgeschichte getrennten Instrumente umkreisen und schliesslich zusammenfinden, dann ist das Experiment von Erika Stucky aufgegangen. Nun muss die Künstlerin (der Begriff «Sängerin» greift angesichts ihrer theatralischen Fähigkeiten zu kurz) nur noch den Bogen finden zu ihrem Vater, dem das Stück gewidmet ist.

 

Metzger und Politik

Hier ist die aus getrockneten Schweineöhrchen bestehende Krone, die Stucky auf den Haaren trägt, ein Anfang. Vater Bruno war nämlich Metzger – «nicht Schlachter!», wie sie im Vorfeld betont, das seien zwei ganz verschiedene Welten. Mit ihrem Stück verfolge sie auch keine politischen Ziele, auch wenn sie sich durchaus bewusst sei, dass es heutzutage «gar nicht mehr hip» sei, Fleisch zu essen. Dann schaut sie verschwörerisch und sagt: «You know I just love a good steak.»

Auf der Bühne wird sie den Bogen von Vaters Wursterei zu den Darmsaiten der Barockinstrumente schlagen und verkünden: «Für mich macht das alles Sinn; es freut mich, wenn ihr die Hälfte davon mitbekommt.» Wahrlich ist die Informationsdichte in Papito insgesamt zu gross, als dass man von Gesang, Klangschmiederei und Ensemblearbeit jede Finesse aufschnappen könnte. Kommt dazu, dass ohne Unterlass Videos (eine Barbie-Sammlung, ein altes Familienvideo, einmal ein Tierherz) gezeigt werden und Stucky den Projektor gekonnt für Schattenspiele nutzt, um die eigene Silhouette in Märchenfiguren zu verwandeln.

 

Berglandschaft und Grossstadt

Erst im Zugabeblock lichtet sich der Nebel der Melancholie und Stucky greift jodelnd zum Handörgeli. Man kann dies als Zugeständnis an funktionierende Muster verstehen, vielmehr aber ist es eine Verneigung vor dem Publikum, das der umtriebigen Musikerin seit über 30 Jahren auf jedes noch so eigenwillige Terrain folgt. Und während Erika Stucky und La Cetra – nun verstärkt durch den beherzt mitsingenden Dirigenten und Arrangeur Knut Jensen – die Walliser Berglandschaften zum Klingen bringen, reisst FM Einheit staubend und lärmend grossstädtische Mauern ein. Auch das passt.

 

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