Bericht

Huddersfield zum 40sten!

Die Grande Dame der englischen Festivals für neue Musik featurete nicht nur in ihrer Jubiläumsausgabe ein breites Spektrum schweizerischer Musik.

Tobias Gerber - 2017-12-12
Huddersfield zum 40sten! - Christian Weber und Joke Lanz beim hcfm 2017 © Graham Hardy
Christian Weber und Joke Lanz beim hcfm 2017 © Graham Hardy
Huddersfield zum 40sten! - Gilles Grimaître spielt Raphäel Languillats «Flagellation du Christ (d'après Le Carvage)» © Brian Slater
Gilles Grimaître spielt Raphäel Languillats «Flagellation du Christ (d'après Le Carvage)» © Brian Slater
Huddersfield zum 40sten! - Stephanie Haensler
Stephanie Haensler
Huddersfield zum 40sten! - Serge Vuille
Serge Vuille

1978 gegründet, war das Huddersfield Contemporary Music Festival über lange Zeit vor allem ein Ort für Neue Musik. Seit 2006 fungiert Graham McKenzie als künstlerischer Direktor, und der Fokus des Festivals ist unter seiner Leitung entschieden breiter geworden. Das zeigt sich nicht zuletzt am Beispiel der Schweizer Beiträge, die zwischen dem 17. und 26. November 2017 präsentiert wurden bei der diesjährigen (40.) Ausgabe des Festivals. Diese richtete – wie schon die beiden vergangenen – einen Fokus auf aktuelles Schweizer Musikschaffen.

 

Akademisch bis ekstatisch

Eine prominente Platzierung im Programm genoss Stephanie Haensler, deren Kompositionen ganz nah für Violine und Klavier und Im Begriffe für Quintett das Auftaktkonzert am frühen Freitagabend eröffneten. Haensler präsentierte sich mit den beiden Werken als Vertreterin einer jungen Generation akademisch geschulter Komponistinnen und Komponisten, deren sauber gearbeiteten und differenziert sich entwickelnden Stücke in Romaine Bolinger und Lora-Evelin Vakova-Trara (ganz nah) und dem bemerkenswerten Schottischen Red Note Ensemble (Im Begriffe) engagierte und sensible InterpretInnen fanden.

Romaine Bolinger spielt Stephanie Haenslers «ganz nah» beim hcfm 2017 © Brian Slater

 

In ganz andersartigen Gefilden bewegt sich Nik Bärtsch mit seinem Quartett MOBILE: die Formation spielt eine minimalistisch repetitive, so statische wie vorwärtstreibende Musik. Beim Auftritt in der klaren Akustik der Kirche St Paul's Hall verbanden sich messerscharfe Präzision im verzahnten polyrhythmischen Zusammenspiel und effektvolle – ebenso präzise gesetzte – Wechsel von Klangfarben und Texturen. In der vermeintlichen Einfachheit des Repetitiven gab sich diese Musik so greifbar und taktil wie sie in ihren flächigen Verwebungen und unvorhersehbaren Wendungen dann doch schwer zu fassen blieb. Ein statischer Raum des Ereignishaften, könnte man sagen, oder mit Bärtschs eigenen Worten: «Ekstase durch Askese».

 

Lohnende Schwerstarbeit für Engelsstimmen und erquickte Quietscher

Weniger dialektisch geht es in Raphaël Languillats Flagellation du Christ (d'après Le Caravage) zu: eine rund 15-minütige Tour-de-force für den Interpreten, der in schnellen und ununterbrochenen fortissimo Sechzehntelimpulsen den Flügel zum Erschüttern bringt, sodass die Obertöne im Kirchenraum ungestüm kollidieren. Umwerfend ist das nicht als kompositorische Geste, jedoch als kraftvolle Interpretation von Gilles Grimaître, der genau zu wissen schien: Schwere Arbeit nur lässt die Engelstimmen heiter erklingen.

 

Für den Schlagzeuger Serge Vuille schrieb der Englische Komponist Christopher Fox das am Montag uraufgeführte Stück untouch-touch, das mit Abstraktionen von Klangmaterial spielt und die Bewegungen des Interpreten aus dem Kausalzusammenhang der Klangerzeugung herauslöst (und sie wieder dahin zurückführt). Vuille holte mit einer konzentrierten und klar geführten Performance aus der Komposition heraus, was herauszuholen war. Nicht ohne Reiz wäre zwar der dem Stück zugrundeliegende Ansatz der zweifachen Realisierung einer Art Blaupause mit unterschiedlichen klanglichen Mitteln – Sinustöne im ersten Teil, Gongs im zweiten. Am Ende erwies sich die Idee aber als stärker denn ihre Ausarbeitung als eher langfädige Komposition.

Den mit etlichen kurzen Gratiskonzerten sehr dicht gefüllten Montag beschlossen zu später Stunde Christian Weber am Bass und Joke Lanz an den Turntables. Ihr letztjähriger Duo-Auftritt begeisterte in Huddersfield dermassen, dass sie für die diesjährige Ausgabe gleich nochmals gebucht wurden. Mit gutem Grund, möchte man sagen: Staunen macht ihre schwindelerregende Wendigkeit, und angesichts ihrer Reaktionsfähigkeit selbst im freien Fall bleibt einem manchmal nicht anderes als erquickt zu Quietschen. Bis zum nächsten mal?!

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