Männerdomäne elektronische Musik. Eine Inventur.

Porträts

In der elektronischen Musik nimmt das Genderbewusstsein zwar langsam zu, doch an der Untervertretung von Frauen ändert das wenig. Was läuft schief?

Theresa Beyer - 2019-10-21
Männerdomäne elektronische Musik. Eine Inventur. - ©Norbert Bruggmann
©Norbert Bruggmann

Und immer wieder muss man zählen. Zum Beispiel die aufgeführten Komponist*innen in «Nachtstrom», der Konzertreihe des Elektronischen Studios der Hochschule für Musik Basel in der Gare du Nord ab 2016: 58 Männer, 4 Frauen. Die Studierenden im Master Elektroakustische Komposition an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) seit 2009: 13 Männer, 3 Frauen. Oder die Autor*innen des Buches Musik aus dem Nichts. Die Geschichte der Elektroakustischen Musik in der Schweiz1: 19 Männer, 2 Frauen. 

Anhand der Strichlisten wird dann ein ungefährer Durchschnittswert errechnet, der sich irgendwo zwischen 5% und 20% bewegt. Nach dem Rechnen kommt die Empörung – darüber, dass sich an diesen Zahlen seit Jahren kaum etwas ändert. Und am Ende folgt die Feststellung, diese Zahlen seien ja nur das Abbild einer Gesellschaft, in der Frauen strukturell benachteiligt werden.

Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn in der elektronischen Musik, welche elektroakustische Komposition, Sound-Art, Computermusik und experimentelle Club-Avantgarde einschliesst, ist der Frauenanteil wesentlich niedriger als in anderen Bereichen des Kulturbetriebs. Und gerade weil die elektronische Musik – genauso wie die Neue Musik – für sich beansprucht, ein zukunftsorientierter, visionärer und experimentierfreudiger Raum zu sein, darf man mit ihr punkto Geschlechtergerechtigkeit auch hart ins Gericht gehen2.

Die Zürcher Soundkünstlerin Iris Rennert im Porträt. An der Hochschule der Künste Bern unterrichtet sie das Fach Hardware Hacking und versteht sich als Mentorin für junge Musikerinnen.

 

Das alte Klischee der männlichen Technik

Sucht man nach Erklärungen für die Unterrepräsentation von Frauen in der elektronischen Musik, kommt man nicht umhin, sich erst einmal an alten Vorurteilen abzuarbeiten. Denn nach wie vor werden Frauen mit dem Klischee konfrontiert, sie hätten eine geringere Affinität zu Technik, sagt Rosa Reitsamer vom Institut für Musiksoziologie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien: «Technisches Wissen spielt in der elektronischen Musik eine grössere Rolle als in anderen Genres. Und Technik ist in unserer Gesellschaft nach wie vor männlich konnotiert.» 

Diese Vorurteile bezeichnet die Zürcher Musikerin und Künstlerin Iris Rennert als «unangenehme Begleiter, die sich fies einschreiben und meistens verharmlost werden». Sie blickt zurück auf ihre Anfänge in den 80er Jahren: «Es war auf meinem Weg tatsächlich nicht einfach, meine Neugierde und Experimentierfreude im Umgang mit Maschinen, Computern und Musikinstrumenten, die eher den männlichen Mitspielern zugeordnet werden, mit anderen teilen zu können.»

Vorurteile und Entmutigungen

Auch die Zürcher Musikerin Joana Maria Aderi, die in den 90er Jahren in die elektronische Musik einstieg und Anfang der Nullerjahre mit Eiko ihr eigenes Elektronikprojekt startete, kennt diese Klischees: «Immer wieder hatte ich das Gefühl, von Toningenieuren nicht ernst genommen zu werden. Sobald es ein technisches Problem gab, bekam ich unterschwellig zu hören, das sei ja typisch Frau. Es war schwer, sich davon nicht entmutigen zu lassen.»

Bloss nicht entmutigen lassen: Die Zürcher Musikerin Joana Maria Aderi mit ihrem Elektronikprojekt EIKO

 

Um solche Vorurteile niederzureissen, bietet das Training Center für elektronische Musikproduktion School of Sound Kurse für die Musiksoftware Ableton exklusiv für Mädchen und Frauen an. Aderi leitet solch einen Kurs und erlebt den Zugang zur Technik der jüngeren Generation: «Selbst in so einem geschützten «female only»-Rahmen beobachte ich, dass das Selbstbewusstsein der Mädchen und jungen Frauen im Umgang mit Technik nach wie vor sehr niedrig ist».

Unterschiedliche Karrieren – unterschiedliche Zugänge

Hinter den Ängsten steckt eine geschlechtsspezifische Sozialisierung, die sich in den vergangen 30 Jahren wenig verändert hat, sagt die Musiksoziologin Rosa Reitsamer: «Mädchen werden von Eltern und Lehrpersonen bis heute nicht ermutigt, sich mit einem Synthesizer zu beschäftigen, programmieren zu lernen oder Beats zu produzieren. Ihre Karriere in der elektronischen Musik beginnt deshalb oft später und das ist häufig ein Nachteil». Für Jungs ist die Beschäftigung mit Technik hingegen eine Möglichkeit, sich Status zu verschaffen – womit der frühe Einstieg in einen technischen Beruf den gesellschaftlichen Vorstellungen entspricht. 

Ähnlich beobachtet es auch Germán Toro-Pérez vom Institute for Computer Music and Sound Technology (ICST) an der ZHdK: «Meine männlichen Studenten waren oft als Teenager bereits technikaffin, haben Clubmusik gemacht, Erfahrung im Bereich der Tontechnik gesammelt und dann bei uns im Studium die künstlerischen Qualifikationen weiterentwickelt. Meine weiblichen Studentinnen sind tendenziell Quereinsteigerinnen: zuvor haben sie Musikwissenschaft, Architektur oder Flöte studiert und ihr Selbstbewusstsein darüber generiert, dass sie bereits in diesen Berufen gearbeitet haben.»

Aus der geschlechtsspezifischen Sozialisierung ergeben sich unterschiedliche Zugänge zu elektronischer Musik, beobachtet Michael Harenberg, Co-Leiter des Studiengangs Sound Arts an der Hochschule der Künste Bern (HKB): «Unter den männlichen Studierenden gibt es mehr technikverliebte ‹Bastler›, die ihren Fokus auf Tools, Geräte und Programmierung setzen. Weibliche Studierende gehen viel reflektierter und zielorientierter mit Technologie um, sie treibt vor allem die künstlerische Aussage.»

Kontext auf Radio SRF 2 Kultur: Wie packt die Szene der elektronischen Musik das Problem der Unterrepräsentation von Frauen an? Ein Besuch beim Female* Music Lab DJing-Workshop und am Berliner Festival «Heroines of Sound».

 

Technik ist kein Hokuspokus

Harenbergs ehemalige Studentin, die Audiodesignerin und Klangkünstlerin Veronika Klaus stimmt dem zu: «An und für sich interessiert mich Technik nicht. Mich interessiert, was ich damit machen kann». Klaus, die über die E-Geige zur elektronischen Musik kam, geht bewusst gegen die Mystifizierung von Technologie vor: «Vielleicht lässt sich die männliche Konnotation der elektronischen Musik aufbrechen, wenn man Technologie nicht als kompliziertes Hokuspokus, sondern schlichtweg als eine Vielzahl von Instrumenten und Klängen begreift, mit denen man spielerisch gestalten kann.»

Spielerische und experimentierfreudigen Zugänge gehören bei vielen Musikerinnen im Bereich der elektronischen Musik heute zu einem feministischen Selbstverständnis. Neu sind diese Zugänge aber nicht. Das zeigt ein Blick auf die Anfänge der elektronischen Musik an den elektronischen Studios und Radiostationen: Johanna Magdalena Beyer (1888–1944) zum Beispiel komponierte bereits 1938 das Musikstück «Music of the Spheres» für drei elektronische Streichinstrumente. Die französische Komponistin Eliane Radigue (*1932) schuf in den 60er Jahren minimalistische elektroakustische Musik, während Daphne Oram (1925–2003) zur selben Zeit im Musikstudio der BBC mit Tape-Aufnahmetechniken zu arbeiten begann. In der Geschichte der elektronischen Musik sind diese Pionierinnen aber untergegangen. Und auch in der Schweiz sind Vorbilder wenig sichtbar3.

Die deutsch-amerikanische Komponistin und Pianistin Johanna Magdalena Beyer hat einen Platz in der Geschichte der elektronischen Musik verdient. Hier ihre Komposition «Music of the Spheres».

 

Elektronische Musik – Eine körperlose Kunst?

Elektronische Musik wurde in ihrer Geschichte immer wieder als eine körperlose Kunst verstanden: für ihr Erklingen ist der Körper entweder gar nicht nötig, oder er muss – zum Beispiel in den klassischen Laptop-Performances – nur minimale Bewegungen ausführen. Mehr Maschine als Mensch also, lautet die Utopie4. Im Buch Gendertronics – Der Körper in der elektronischen Musik (edition suhrkamp, 2005) verknüpft die Kuratorin und Journalistin Meike Jansen die Abwesenheit des Körpers in der elektronischen Musik mit der Abwesenheit von Frauen in der Szene. 

Dass die Idee einer «körperlosen Musik», wie sie zum Beispiel der Techno in den frühen 90gern propagiert hat, nur eine männliche sein kann, davon ist auch die irische Komponistin Jennifer Walshe überzeugt. «Absolute Musik ist ein Luxus, den sich nur männliche Komponisten leisten können. Alle Komponistinnen, die ich kenne, glauben nicht daran – vielleicht, weil sie wissen, wie es ist, ihr ganzes Leben nach ihrem Aussehen beurteilt zu werden.» 

In der audiovisuellen Konzertperformance "Das Raunen der Dinge" verbindet die Berner Komponistin Franziska Baumann Live-Elektronik mit Stimmchoreographien. UA am Musikfestival Bern 2019.

 

Wenn es also ein männliches Privileg ist, Geschlecht nicht zu thematisieren bzw. thematisieren zu müssen, verwundert es umso weniger, dass feministische Zugänge in der elektronischen Musik den Körper oft ganz bewusst einbeziehen – sei es durch Gesten, durch sensorengesteuerte Elektronik oder durch die Verwendung und Verfremdung von Stimme5. Bei diesen Zugängen geht es um mehr als nur darum, eine neue performative Situation zu schaffen, welche die klassische (normativ männliche) Laptop-Performance herausfordert. Es geht darum, Gender umzudeuten, zu verkehren und zu dekonstruieren. Auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung in der elektronischen Musik müssen solche Ästhetiken Platz haben – und durch nicht-binäre und queere Ansätze erweitert werden.

Männliche Netzwerke

Nach neuen Ästhetiken und performativen Ansätzen sucht auch Stefan Mousson, der die Berner Ausgabe des Festivals für elektronische und experimentelle Musik Les Digitales organisiert und kuratiert: «Ich bin es leid, immer nur Männer hinter dem blassen Licht ihrer Laptops zu sehen.» Doch zu einem diversen Programm trägt seine Offenheit wenig bei: In der letzten Ausgabe von Les Digitales 2019 traten schweizweit 19 Prozent Frauen auf, 2018 nur 12 Prozent, 2016 und 2017 je 16 Prozent. Diese Genderverteilung deckt sich mit Zahlen aus der Clubkultur (Beispiel Bern 2018: 13.02 Prozent)6 und Zahlen zum internationalen Festivalbusiness im Bereich elektronischer Musik (14 Prozent 2012 bis 2017)7.

Ein Blick in die Berner Clubkultur: im Jahr 2018 traten in den Clubs Dachstock, Dampfzentrale, Gaskessel, Kapitel und Rössli 2344 männliche und nur 351 weibliche Künstler*innen auf (Studie von Luz Gonzales, 2019).

 

Mousson ist mit der Schieflage unzufrieden und sagt selbstkritisch: «Wenn wir mehrheitlich Männer im Vorstand sind und das Festival aus dieser Sicht kuratieren, müssen wir uns über die Unterrepräsentation von Frauen nicht weiter wundern.» Das Les Digitales versteht sich als Familienfestival, das in öffentlichen Parks und Plätzen stattfindet. Umso mehr sieht sich Mousson in der Verantwortung: «Wenn wir dort die elektronische Musik als Hoheit männlicher Nerds präsentieren, wirft das ein falsches Bild auf diese Musik».

Die Macht ungeschriebener Codes

Ein Bewusstsein für die Unausgeglichenheit und einen Willen zur Veränderung scheinen beim Festival Les Digitales also durchaus da zu sein. Doch warum bleibt der Anteil von Frauen dennoch so niedrig? Genauso wenig wie sich männliche Netzwerke eindeutig kartografieren lassen, würde wohl kein Kurator oder Booker zugeben, dass er Frauen absichtlich benachteiligt. Weil Ausschlussmechanismen oft nach ungeschriebenen Codes funktionieren, ist es umso schwerer, ihnen auf den Grund zu gehen. 

Und doch lässt ein Blick auf die Strukturen von Les Digitales eine Vermutung zu: Das Festival funktioniert nicht über ein klassisches Booking, sondern über einen Call, auf den in der Regel 90% der Bewerbungen von männlichen Musikern eingehen. Dass der Call vor allem Männer anspricht, könnte damit zu tun haben, dass er nur auf der Homepage lesdigitales.ch und auf Facebook publiziert wird. Damit entsteht ein typisches «Filterbubble-Problem»: er erreicht nur jene Community, die sowieso vom Festival weiss oder dort bereits aufgetreten ist 8.

Das schweizweite Festival «Les Digitales» 2018 trägt eine Verantwortung in der Repräsentation von Elektronischer Musik – gerade weil es im öffentlichen Raum stattfindet. ©Alexandre Dell'Olivo

 

Die Soziologin Rosa Reitsamer hält diese Multiplikation männlichen Wissens für eine typische Dynamik informeller Netzwerke: «In meinen Studien zur elektronischen Musik habe ich beobachtet, dass Männer vor allem über männliche Freundschaften einen Zugang zu den Szenenetzwerken finden. Frauen sagten in den Interviews immer wieder, dass sie Ausschlüsse erfahren haben und bedeutend seltener als viele der männlichen Peers gebucht werden.»  Unter diesen Seilschaften hat die Musikerin Joana Maria Aderi so stark gelitten, dass sie ihr Soloprojekt Eiko zwischenzeitlich auf Eis gelegt hat.

Sonderposition «Frau»

Und noch ein anderer Aspekt führt dazu, dass die elektronische Musik für Frauen ein hartes Pflaster ist: Wenn auf einem Festival eine Frau gegen zehn Männer anspielen muss, ist sie in jedem Fall stärker exponiert als ihre männlichen Kollegen. Die Berner Musikerin Veronika Klaus erinnert sich an Situationen, in denen in ihr ein Unbehagen wuchs: «Wenn ich irgendwo als einzige Frau gebucht war, wollte ich auf keinen Fall den Eindruck erwecken die Quotenfrau zu sein. Deswegen habe ich mich ziemlich unter Druck gefühlt und versucht, noch besser zu sein als die anderen». 

Die Genfer Klangkünstlerin Julie Semoroz arbeitet in ihren Performances mit Field Recordings, Live Mikrophonen und ihrer eigenen Stimme und hinterfragt die Beziehung zwischen Mensch und Technologie.

 

Sobald Frauen also aus männlichen Netzwerken ausgeschlossen sind, werden sie automatisch weniger wahrgenommen. Für Booker*innen, Kurator*innen und Veranstalter*innen bedeutet dies in der Konsequenz, dass sie nach Musikerinnen aktiv auf die Suche gehen müssen. Einem männlich dominierten Festivalprogramm kann also mit einer intensiven Recherche und dem Blick über den Tellerrand des eigenen Klüngels entgegen gewirkt werden, zumal Online-Datenbanken wie female:pressure (derzeit 2500 Mitglieder aus 78 Ländern), das Netzwerk Helvetiarockt oder die Musikrecherche-Plattform norient.com die Suche erleichtern. 

Gendersensibilität in der Kuration ist in der Praxis möglich: das zeigen Festivals wie das Rhizom in Zürich (50 Prozent Frauenanteil im Jahr 2019) oder Kulturzentren wie die Dampfzentrale Bern (33 Prozent Frauenanteil im Jahr 2018). Erwiesen ist auch: wenn Positionen mit Entscheidungsfunktion im Booking, in der Festivalleitung oder in der Kuration divers besetzt sind, schlägt sich das im Programm nieder. Auch Medien und die Vergabe von Kulturpreisen können Musikerinnen mehr Sichtbarkeit verschaffen: ein Beispiel ist der Schweizer Musikpreis, von dem 2019 einer an die schweizerisch-kongolesische Musikproduzentin Bonaventure ging.

Die schweizerisch-kongolesische Produzentin Bonaventure ist Gewinnerin des Schweizer Musikpreises 2019.

 

Verantwortung der Musikhochschulen

Traditionen und Konventionen müssen aber nicht nur in der Musik selbst und unter den Veranstalter*innen und in informellen Netzwerken in Frage gestellt werden, sondern auch an den Hochschulen. Im Bereich Sound Arts, Computermusik und elektroakustische Komposition gehen nach wie vor die meisten Professuren an Männer (90,1 % sagen aktuelle Zahlen aus Deutschland)9. Wenn mehrheitlich Männer unterrichten, in den Kommissionen der Eignungsprüfungen sitzen oder als Gäste eingeladen werden sind dort vergleichbare Ausschlussmechanismen am Werk wie in der Musikszene. Wegen fehlender Vorbilder werden Frauen entmutigt, das Studium überhaupt aufzunehmen.

Ein positives Beispiel soll hier die Verantwortung der Ausbildungsinstitutionen verdeutlichen: Im Studiengang «Sound Arts» an der Hochschule der Künste in Bern waren weibliche Studierende lange Zeit stark unterrepräsentiert. Eine genderbewusste Anstellungspolitik konnte aber im Laufe der Jahre Veränderungen bewirken: Sowohl bei den Professuren, als auch bei den Assistierenden und Lehrbeauftragten wurden immer mehr Frauen angestellt, so dass mittlerweile auf beiden Ebenen ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis herrscht. Dies hat sich auf die Anzahl der Studentinnen ausgewirkt: 2014 lag er bei nur 14%. 2019 studieren 27% Frauen «Sound Arts».

Manchmal sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern subtil. Wie hier auf diesen Fotos von Norbert Bruggmann. Er hat Hände von Studierenden des Studiengangs Sound Arts der Hochschule der Künste Bern fotografiert. Minimale Bewegungen an den Reglern eines Mischpults. Männerhand oder Frauenhand?

 

Gleichberechtigung ist nicht nur Frauensache

In der elektronischen Musikszene gehen konkrete Initiativen bisher vor allem von Frauen aus, die sich untereinander stärken (Helvetiarockt, female:pressure), Podiumsdiskussionen und Festivals organisieren (Les Belles de Nuit in Zürich), Diskurse anstossen (z.B. die SRF-Moderatorin und DJ Rosanna Grüter im August 2017 zu Sexismus in der elektronischen Musik in der Schweiz) oder sich privat organisieren (wie Joana Maria Aderi, die Elektro-Jam Sessions «Female Electro Nerds» für Frauen lanciert oder Iris Rennert, die sich als Mentorin für junge Musikerinnen engagiert). 

Aber reicht das wirklich, um ein Gegengewicht zu bilden und Sichtbarkeit einzufordern? Nicht allein. Adrienne Goehler, Kuratorin des deutschen Hauptstadtkulturfonds, forderte in der Diskussion «(K)eine Männersache – Neue Musik» an den Donaueschinger Musiktagen 2017, dass auch die Kulturförderer in der Verantwortung stehen, eine gerechtere Geschlechterverteilung und höhere Diversität bei Musiker*innen und Veranstalter*innen einzufordern – für die Schweiz hiesse das: im Leistungsvertrag einer subventionierten Institution könnte eine Frauenquote festgelegt werden.

Männer in die Offensive

Mit dem Bewusstseinswandel, der #MeToo und der Frauenstreik 2019 auch in der Musikszene eingeläutet hat, ist es an der Zeit, dass auch Männer in die Offensive gehen. 2016 hat sich eine Reihe männlicher Journalisten zusammengefunden und den Hashtag #men4equality kreiert. Die Unterzeichner haben sich verpflichtet, nicht mehr an rein männlich besetzten Podien teilzunehmen. Wie wäre es mit einem ähnlichen Hashtag für die elektronische Musik? Dass männliche Musiker also die Teilnahme an einem Festival absagen, wenn zu wenig Musikerinnen eingeladen sind? Dabei wäre man ja nur schon mit der Forderung eines Frauenanteils von wenigstens 35% zufrieden – ab diesem soziologischen Grenzwert werden Frauen nicht mehr als Minderheit wahrgenommen. Aber selbst so eine Selbstverpflichtung dürfte Veranstalter*innen, Booker*innen und Festivalleiter*innen ordentlich ins Schwitzen bringen und sie nicht nur zu einem Genderbewusstsein, sondern aktiv zum Handeln zwingen. Und das wäre wirkungsvoll!

 

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der dissonance 142 – Schweizer Musikzeitschrift für Forschung und Kreation im Juni 2018. Diese Version ist ein leicht gekürztes Update vom September 2019.

 

Theresa Beyer ist Musikjournalistin beim Schweizer Radio SRF 2 Kultur und gehört zum Kernteam des internationalen Musik-Netzwerks Norient. Sowohl in längeren Hintergrundsendungen (u.a. „Kontext“, „Musik unserer Zeit“), als auch in ihrer Arbeit als Norient-Kuratorin beackert sie immer wieder das Themenfeld «Gender und Musik». 2016 erhielt Theresa Beyer den Reinhard-Schulz-Preis für zeitgenössische Musikpublizistik.

---------------
1 Musik aus dem Nichts. Die Geschichte der Elektroakustischen Musik in der Schweiz, hrsg. von Bruno Spoerri, Zürich: Chronos-Verlag 2010.
2 Dem Artikel zu Grunde liegen zehn Gespräche mit Musikerinnen, Veranstaltern, Wissenschaftlerinnen und Institutsleitern aus der Deutschschweiz und dem Ausland (geführt 2017 und 2018): Joana Maria Aderi, Rosanna Grüter, Michael Harenberg, Veronika Klaus, Stefan Mousson, Erik Oña, Rosa Reitsamer, Iris Rennert, German Toro-Pérez, Jennifer Walshe.
3 Zwar findet man einige weibliche Namen im Buch Musik aus dem Nichts (vgl. Anm. 1): Geneviève Calame, Charlotte Hug, Franziska Baumann, Trixa Arnold, Sibylla Giger oder DJ Tatana. Ein eigener Porträt-Artikel ist jedoch keiner von ihnen gewidmet.
4 Christoph Co, Wie wird Musik zu einem organlosen Körper? Gilles Deleuze und die experimentelle Elektronika, in: Soundcultures. Über elektronische und digitale Musik, hrsg. von Marcus S. Kleiner und Achim Szepanski Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003, S. 162–193.
5 Zum Beispiel Joana Maria Aderi, Franziska Baumann, Cathy van Eck, Imogen Heap, Holly Herndon, Lydia Kavina Julia Mihaly, Milena Patagonia, Clara Rockmore, Jennifer Walshe etc
6 Bachelorarbeit Luz Gonzales, Hochschule der Künste Bern, «Frauen*Repräsentation in der Clubkultur in Bern 2018» (2019)
7 Facts Survey von female:pressure, aufdatierte Version von 2019
8 Bei genauer Untersuchung zeigt sich, dass die Follower der Seite zu ca. 35–40% Frauen sind, analog den Besucherinnen und Besucher an den Konzerten. Wie viele davon aktive Musikerinnen sind, konnte nicht erhoben werden.
9 Interne Recherche zu der Genderverteilung der Lehrenden in den Fächern Komposition, elektroakustische Komposition und Musiktheorie an Musikhochschulen in Deutschland. Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen e.V., 2019

0:00
0:00