Neuerscheinungen

Meiers Klaviermusik

Im Jahr 2000 legte Dominik Blum erstmals eine CD mit Klavierwerken von Hermann Meier vor. Nun erfährt der Schweizer Komponist eine zweite Renaissance.

Thomas Meyer - 2017-11-30
Meiers Klaviermusik - Diagramm zu Hermann Meiers «Stück für grosses Orchester und drei Klaviere» HMV 60 (1964)
Diagramm zu Hermann Meiers «Stück für grosses Orchester und drei Klaviere» HMV 60 (1964)
Meiers Klaviermusik - Dominik Blum bei einem Konzert mit Klavierwerken von Hermann Meier und Claude Debussy 2012 in Oberkirch © Gaby Walther
Dominik Blum bei einem Konzert mit Klavierwerken von Hermann Meier und Claude Debussy 2012 in Oberkirch © Gaby Walther

Während die Ausstellung Mondrian-Musik im Kunstmuseum Solothurn derzeit die «graphischen Welten», also die Skizzen, Pläne und Partituren des Zullwiler Komponisten Hermann Meier (1906–2002) in eindrücklicher Vielfalt dokumentiert, gibt es in seinem Œuvre immer noch manch Unaufgeführtes und Entdeckenswertes.

Eine gewichtige Lücke schliesst jetzt die neue CD des Winterthurer Pianisten Dominik Blum. Bereits vor siebzehn Jahren hatte er die fünf grossen Klavierwerke von Meier bei Wandelweiser eingespielt; nun hat er sie neu aufgenommen und einige weitere dazu – alles ausser den frühen Stücken bis 1947. Das hat sich gelohnt.

Gewiss überzeugte schon die erste Aufnahme damals, aber inzwischen ist die Interpretation gereift, geschärft und gerundet zugleich, von einer enormen Ausdrucksbreite und Differenziertheit. Und sie führt tief in die Musik. Die Graphiken mögen einen Eindruck davon vermitteln, wie Meier seine Klangarchitekturen entwarf, aber hier dringt man mit den Ohren in sie ein.

 

Hermann Meier, der Dodekaphonist?

Exemplarisch etwa lässt sich das am Klavierstück HMV 37 vom August 1956 zeigen. Die Struktur liesse sich mit einer Analyse weidlich ausbeineln, wie der Blick in die Partitur suggeriert. Da gibt es wandernde Zentralnoten, sich wiederholende Akkorde, Zwölftonfelder (bei Wladimir Vogel hatte Meier sich in die Dodekaphonie vertieft, wenngleich auf etwas unorthodoxe Weise). Und wenn man ins Manuskript Meiers schaut, fallen kleine Zahlen auf, die die Einsatzabstände angeben: Serielle Verfahrensweise? Immerhin sind wir da in der Darmstädter Blütezeit.

Ausschnitt aus Hermann Meiers Klavierstück HMV 37 © Mit freundlicher Genehmigung des aart verlag und der Paul Sacher Stiftung

 

Aber man kann das Stück – wie auch das Vorbild der Variationen für Klavier op. 27 von Anton Webern – auch von seinem gestischen Potenzial, seiner Bewegtheit her anhören. Und da fallen diverse Merkmale auf: das Einhaken auf bestimmten Tonhöhen, die Repetitionen, die Sprunghaftigkeit, die doch gebunden ist, das Nachhorchen in liegende Töne und in die Resonanz, die expressive Spannung, die sich nicht gehen lässt, überhaupt die Beharrlichkeit, ja Hartnäckigkeit des Ausdrucks. Fast möchte man sagen: Vergesst die Reihen, die dahinterstecken mögen, und hört, wie sie ein musikalischer Raum allmählich selber gestaltet, spiralartig.

 

Hermann Meier (1945)

 

Hermann Meier, Schicht für Schicht wiederentdeckt

Solche Charakteristika finden sich häufig bei Meier, und doch wandelt sich das Prozedere von Stück zu Stück. Man begegnet ihnen in der dreisätzigen Sonate von 1948–49, aber im Kern auch schon in dem von Blum nicht aufgenommenen Klavierstück HMV 3 von 1937, das mit den drei Teilen Marcia, Intermezzo und Scherzo zwar konventionellen Mustern folgt, aber schon jene Insistenz verspüren lässt, die gewiss auch Meiers Eigenbrötlertum trug. Er entwickelte sich parallel zur Moderne, mit überraschenden Gemeinsamkeiten, und doch unabhängig von ihr. Bis zuletzt.

Einen vertrackten Tanz auf verschiedenen Tonhöhen vollführt das letzte Klavierwerk, komponiert 1987 für den Berner Komponisten Urs Peter Schneider. Wunderbar, wie Blum hier die Schichtungen fürs Ohr freilegt. Die CD ist das schönste Argument, mit der Entdeckung Meiers fortzufahren.

 

Hermann Meier, works for piano solo 1949-1987
Dominik Blum, Klavier
Wandelweiser Records (Doppel-CD)

Publikation

Mondrian-Musik – Die graphischen Welten des Komponisten Hermann Meier
Heidy Zimmermann, Michelle Ziegler, Roman Brotbeck (Hg.)
Chronos Verlag, 2017

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