Bericht

Neue Instrumente aus der Schweiz

Im Land der Hochpräzision rückt die Sensibilisierung der Instrumente in den Fokus. Sie eröffnet Interpreten wie Komponisten neue Spielfelder.

Thomas Meyer - 2018-08-09
Neue Instrumente aus der Schweiz - Hang® Bal
Hang® Bal
Neue Instrumente aus der Schweiz - Lucas Niggli mit Paiste Setup
Lucas Niggli mit Paiste Setup
Neue Instrumente aus der Schweiz - Winddynamische Orgel im Berner Münster
Winddynamische Orgel im Berner Münster
Neue Instrumente aus der Schweiz - CLEX – Contrabassclarinet extended
CLEX – Contrabassclarinet extended
Neue Instrumente aus der Schweiz - SABRE – Sensor Augmented Bass Clarinet
SABRE – Sensor Augmented Bass Clarinet

Schon immer haben sich Musiker und Instrumentenbauer – oft in Personalunion – zusammengesetzt, um Instrumente zu verbessern. Im frühen 19. Jahrhundert etwa wurde viel neues entwickelt, vieles auch wieder vergessen – und weniges davon perfektioniert. Das ist immer wieder aktuell, gerade in der Schweiz, dem Land der Tüftler und der Hochpräzision. Man denke an Bruno Spoerris elektrifizierte Saxophone und computerunterstützte Klangwandler – oder an die weltberühmten Becken der Nottwiler Firma Paiste.

Fredy Studer (Paiste Künstler) - Solo Drums

Neue Instrumente aus Bern

In den letzten Jahrzehnten hat diese Entwicklung neuen Auftrieb bekommen. Die gewichtige Rolle der Musikhochschulen ist dabei nicht zu übersehen – vor allem die der jungen Forschungsabteilungen, die Musikwissenschaft und Praxis zu verbinden suchen. Zum einen werden dort historische Instrumente erforscht und nachgebaut, zum anderen neue erdacht.

Ein exzellentes Beispiel ist jene winddynamische Orgel, die seit 1999 an der Hochschule der Künste Bern HKB entwickelt wurde. Auf dieser Orgel lässt sich via Tastendruck bzw. -anschlag die Windzufuhr und damit das Klangergebnis modulieren . Durch diese flexiblere Spielweise ergeben sich faszinierende klangliche Möglichkeiten* . Im Berner Münster stehen drei Prototypen davon.

NNOV-ORGAN-UM - Improvisation, Daniel Glaus

In der Stadtkirche Biel hat die Dietiker Firma Metzler zur herkömmlichen Pfeifendisposition ein viertes Manual mit winddynamischem Orgelwerk eingebaut. Bei der neuen Konzertsaalorgel für das Basler Stadtcasino soll es etwas Ähnliches geben. Das Interesse scheint also vorhanden.

 

Tiefe Blasinstrumente sind beliebte Forschungsobjekte

Das Beispiel ist exemplarisch für die Bedürfnisse von Musikerseite. Die haptische oder taktile Seite des Instrumentalspiels tritt in den Vordergrund, die sensiblere Tastatur. Ebenfalls an der HKB lief das Projekt «CLEX – Contrabassclarinet extended». Bei dieser neuen «sensorisch-dynamischen Kontrabassklarinette» werden die Klappen mittels Motoren mechatronisch gesteuert. «Sensoren ermitteln an den Drückern die Position des jeweiligen Fingers, worauf Klappenaktuatoren die entsprechend programmierten Klappen öffnen oder schliessen. Diese Steuerung erlaubt nicht nur, wahlweise deutsches oder französisches Griffsystem zu programmieren, sondern ermöglicht mit dem elektronischen Erfassen von Spielpositionen auch das Ansteuern von E-music-Geräten und damit neue multimediale Anwendungen.»**

Clarinettist Ernesto Molinari and the CLEX - Premiere from Michael Pelzel's "Gravity's Rainbow"

 

Nicht nur die neuen Klänge, wie sie dann Michael Pelzel in seinem Gravity’s Rainbow auf dem Instrument erkundete, sind wichtig, sondern auch die Schnittstelle zwischen Klangkörper und Elektronik. Sie kann ins Innere des Klangkörpers vordringen und Unhörbares hörbar machen, wie es Matthias Ziegler etwa auch auf seiner elektronisch verstärkten Kontrabassflöte vormacht. Sie bietet aber auch neue Zugriffsmöglichkeiten hin zur Klangverarbeitung.

Introducing CLEX - Basel Sinfonietta ft. Ernesto Molinari

An der Zürcher Hochschule der Künste wiederum entstand 2010–2017 in einer Kooperation des Institute for Computer Music and Sound Technology (ICST) mit dem Klarinettisten Matthias Müller die «Sensor Augmented Bass Clarinet SABRE». (Die tiefen Instrumente haben offenbar viel Entwicklungspotential.) Die Sensoren erfassen Luftdruck im Mund und die Position und Bewegung des Instruments und stehen in Verbindung mit dem Computerprogramm bzw. mit der Klang- oder Bildverarbeitung. So kann die Musik auf mehreren Ebenen überraschend beeinflusst werden. Nicht nur die Musik, sondern auch das Visuelle lässt sich so lenken, ähnlich auch bei den «Blaswandlern» des Ensembles EW-4 (alias Arte Quartett).

Saxofonist Beat Kappeler from Ensemble EW-4 with «Blaswandlern»

 

Jenseits von Hightech und Konzertsaal

Ungeahnte Möglichkeiten also, die von Komponistinnen und Komponisten gern genutzt werden. Wie lange es wohl dauern wird, bis sich diese Instrumente durchsetzen? Es ist mir nur einmal untergekommen, dass ein Strassenmusikant ein neuartiges Instrument aus einem Sack zog, darauf musizierte und sogleich die Passanten in Bann zog. Ich meine das exotisch anmutende «Hang», das so alt aussieht, wie es neu ist. 2000 erst stellten Felix Rohner und Sabina Schärer (PANArt Hangbau aus Bern) diese weiterentwickelte Steel Drum vor, die aus zwei miteinander verklebten Metallhalbkugeln besteht. Das Hang (Berndeutsch für «Hand») wird mit der blossen Hand gespielt und dient als Melodie- und Perkussionsinstrument. Es dürfe, so sagen seine Erfinder, nicht allzu hart angeschlagen werden, weil sich der Klang sonst verzerrt. Er neigt also zum Sanften und Weichen. Auch da zeigt sich der Trend zur sensiblen Differenzierung.

Hang® Bal

* Michael Eidenbenz, Daniel Glaus, Peter Kraut (Hrsg.): Frischer Wind – Fresh Wind. Die Forschungsorgeln der Hochschule der Künste Bern – The Research Organs of Bern University of the Arts. Saarbrücken 2006, Pfau-Verlag.
** Ernesto Molinari, Jochen Seggelke, Daniel Debrunner, Daniel Heiniger, Simon Schnider: Contrabass Clarinet Unlimited. Eine sensorisch-dynamische Kontrabassklarinette; in dissonance 126, Juni 2014, S. 22–29

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