Neue Volksmusik aus der Lust am Vergangenen

Panorama

Bestandesaufnahme einer Erfolgsgeschichte, die bis heute noch nicht ab-geschlossen ist.

Johannes Rühl - 2020-09-11
Neue Volksmusik aus der Lust am Vergangenen - © Johannes Rühl
© Johannes Rühl

Schon während der Folkbewegung der 1970er-Jahre, vor allem ab den 1990er-Jahren, haben sich Schweizer Musiker*innen intensiv mit dem traditionellen musikalischen Erbe auseinandergesetzt. Ausgangspunkt war eine Distanzierung der stark vom Radio und Fernsehen bestimmten, als konservativ empfundenen Volksmusik, die in dieser Zeit zugleich einen starken Niedergang zu verzeichnen hatte. Diese Lust an der Erneuerung ist bis heute ungebrochen. Diese Entwicklung war nicht ganz unschuldig daran, dass zugleich auch die traditionelle Volksmusik wieder eine grössere Akzeptanz erfahren hat.

Nachhaltiger Aufbruch

Zu den einflussreichsten Figuren dieser Entwicklung gehörten der Schwyzerörgeli-Spieler Markus Flückiger (*1969) und der Klarinettist Dani Häusler (*1974). Gemeinsam mit einigen anderen setzten sie einen folgenreichen Akzent. Junge Musiker, die sich, anders als die Folkies der 1970er-und 1980er-Jahre eindeutig zur Schweizer Volksmusik bekannten, wagten den Befreiungsschlag aus der Langeweile der heilen Welt der Volksmusik und zerlegten diese, indem sie sich von anderen musikalischen Stilen beeinflussen liessen, die bisher mit der Ländlermusik überhaupt keine Berührung hatten. Die neu gegründete Gruppe Pareglish mischte Ländler mit Klezmer, Rock und elektronischem Material, also mehr oder weniger mit allem, was gerade greif- und tanzbar war. Das ist an und für sich nichts Besonderes, wäre der Ausgangspunkt dieses Cross-overs nicht die für diese Zwecke äusserst unhandliche Ländlermusik der Schweiz gewesen. Während Pareglish nur fünf Jahre spielten, ist das 1998 gegründete Quartett Hujässler von Flückiger und Häusler mittlerweile zu einer Institution in der Schweizer Musikszene geworden.

HUJÄSSLER - De König vo Näfels

 

Das Ensemble ist fundamental für die Begründung der Neuen Schweizer Volksmusik, die sich eindeutig zum musikalischen Erbe bekennt und die Volksmusik nicht nur als Steinbruch für andere Konzepte (miss)braucht. Mehrere Faktoren kommen hier zusammen. Das musikalische Selbstverständnis von Dani Häusler und Markus Flückiger ist frei von repräsentativen Motiven, Volkstumsideologien und Kommerz. Sie gehören einer Generation an, die weder die Politik der 68er, noch den Muff des auch in der Schweiz populären Musikantenstadls in sich tragen. Zudem stellen ihre spielerischen Qualitäten nahezu alles in den Schatten, was bisher in der Volksmusik zu hören war. Sie könnten, und das ist neu, auch in anderen musikalischen Sparten problemlos in der Spitze mithalten. Aber sie waren bald nicht mehr alleine. 

Hanny Christen: Historische Volksmusik als Katalysator der Gegenwart

Einen wichtigen Markstein für die Entwicklung der Erneuerungsbewegung setzte der Cellist und Komponist Fabian Müller (*1964). Müller und seine Mitstreiter haben über zehn Jahre lang an der Herausgabe einer einzigartigen Notensammlung gearbeitet. Mit über 12'000 Volksmelodien aus der Zeit zwischen 1800 und 1940, welche die Baselbieter Musikethnologin Hanny Christen zwischen 1940 bis 1960 gesammelt hatte, lag ab 2002 eine Möglichkeit vor, einen umfassenden Blick hinter die Einheitsfassade der Schweizer Volksmusik zu werfen. Die zehnbändige Musikanthologie wurde zu einem einzigartigen Schaufenster in eine bisher nahezu unbekannte musikalische Vergangenheit, aus der sich heute viele junge Gruppen der Neuen Volksmusik bedienen. Fabian Müller war auch Gründer und Leiter des herausgebenden Mülirad-Musikverlages und massgeblich beteiligt an der Entstehung des Altdorfer Hauses der Volksmusik, das sich als zentrale Anlaufstelle, Ausbildungsinstitut und Motor für die Fortentwicklung der Volksmusik in der Schweiz versteht. Fabian Müller gründete ausserdem, sofern er sich nicht als Komponist zeitgenössischer Musik betätigte, gemeinsam mit dem in Luzern klassisch ausgebildeten Geiger Andreas Gabriel (*1982) die Gruppe Helvetic Fiddlers. Ihnen war es ein Anliegen, die, ausser im Appenzell, fast vergessene Streichmusik wieder zu beleben. In der Sammlung von Hanny Christen wird deutlich, wie gross die Verbreitung der Geige als Tanzmusikinstrument in der Schweiz einst gewesen sein muss. Zur Geige gesellte sich nicht selten ein selbstgebautes Bassett, in der Stimmung in etwa zwischen Cello und Bass gelegen. Müller und Gabriel wollen nicht einfach nur die Spieltechnik anderer Fideltraditionen auf die Schweizer Volksmusik anwenden, sondern sie suchten mit ihrem Spiel nach einem spezifischen « Schweizer Ton ».

HELVETIC FIDDLERS - Muotathaler Ländlerkette

 

Im Zusammenhang mit der Herausgabe der Hanny-Christen-Sammlung wurde 2002 ein gemischtes sechsköpfiges Ensemble unter dem Namen Hanneli-Musig gegründet. Vielleicht nicht mehr so wild und ungezwungen wie in Zeiten von Pareglish, treffen sich hier neben Dani Häusler und Fabian Müller noch weitere Vertreter durchaus unterschiedlicher Ansätze einer neuen Volksmusik. Darunter auch der Multiinstrumentalist Ueli Moser (*1944), der sich bereits früher intensiv mit einer neuen Ländlermusik auseinandergesetzt hatte, als die meisten Musiker der Hanneli-Musig noch nicht einmal geboren waren. Einen von ihnen, Johannes Schmid-Kunz an Geige und Blockflöte, kennt man auch als Geschäftsführer der Schweizerischen Trachtenvereinigung und umtriebigen Musikmanager im Umfeld der neuen Volksmusik.

Markus Flückiger ist später in einem weiteren Sammelbecken aktiv gewesen, der Formation Max Lässer und das Überlandorchester des Gitarristen Max Lässer (*1950), Musiker bei Stephan Eicher, Andreas Vollenweider und Hubert von Goisern. Max Lässer hat 2001 mit dem Überlandorchester eine neue grössere Formation gegründet, die inhaltlich sehr offen war und sich in Jazz, Folk und Weltmusik herumtrieb, ohne das Terrain der Ländlermusik gänzlich zu verlassen. Zeitweise mit dabei waren auch der Künstler und Elektro-Maultrommelspieler Anton Bruhin (*1949) und der Appenzeller Hackbrettspieler Töbi Tobler (*1953), der bereits mit Neuer Volksmusik hantierte, als es den Begriff noch gar nicht gab. Es war 1981, im Jahr der ersten NASA-Flüge zur Raumstation Iss, als Tobler gemeinsam mit dem Bassisten Ficht Tanner unter dem Namen Appenzeller Space Schöttl in Erscheinung trat und frei mit unverkennbarem Material aus der Appenzeller Volksmusik improvisierte, was beim Zürcher Jazzfest 1983 für viel Diskussionsstoff sorgte.

APPENZELLER SPACE SCHÖTTL: Zäuerli, Landlerli, Schottisch

 

Einflüsse aus dem Appenzell

An dieser Stelle muss die Sonderrolle der Appenzeller Musik in der Schweizer Volksmusik erwähnt werden. Denn die Musik der Ostschweiz, nah an der Grenze zum österreichischen Bundesland Vorarlberg, gehört zweifelsohne zu den interessantesten Musiktraditionen des gesamten Alpenraumes. Bis in das 18. Jahrhundert wurde in Appenzell zum Tanz im Duo mit Geige und Hackbrett aufgespielt. Dazu kam später der Kontrabass. Daraus entwickelte sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Streichmusik in der Besetzung 1. Geige, 2. Geige, Cello, Kontrabass und Hackbrett. Noch heute unverkennbar sind die stilistischen Einflüsse aus Österreich, insbesondere der Wiener Salonmusik. Das Akkordeon hatte allerdings auch vor der Appenzeller Musik nicht Halt gemacht. Zahlreiche Gruppen suchten damit in den 1950er- und 1960er-Jahren den Anschluss an die musikalische Mode der Zeit.
Unter dem seltsam anmutenden Namen Neues Original Appenzeller Streichmusikprojekt fanden sich 1999 neben Töbi Tobler am Hackbrett, der klassisch experimentell spielende Geiger Paul Giger (*1952) und der aus der Alder-Dynastie desertierte Jodler und Geigenspieler Noldi Alder (*1953), der zeitgenössische Komponist und Cellist Fabian Müller und der klassisch ausgebildete argentinische Bassist Francisco Obieta zusammen. Sie versetzten das tradierte Material mit grandiosen Ausflügen in archaisch reduzierte, naturtonale Sphären. Dabei zeigten sie sehr viel Vertrauen gegenüber der im Alpenraum ohnehin einzigartigen Appenzeller Musik. Hier kam das gefundene oder erfundene urschweizerisch anmutende klangliche Potenzial voll zum Tragen. Als sei hinter der durch historische Verwerfungen mutierten Musik eine vergessene Tür aufgegangen. Das solistische Singen der Rugguserli oder Zäuerli, wird in sich verschiebenden Naturtönen von den Streichern nachempfunden, alpine Landschaften tun sich auf, bis man sich am Ende überraschend selbstverständlich auf dem Tanzboden der Appenzeller Bauernmusik wiederfindet. 
Der Initiator des neuen Streichmusikprojektes, der Geiger, Hackbrettspieler und Sänger Noldi Alder, wuchs in einer seit 125 Jahren ungebrochenen Appenzeller Musikerdynastie auf. Er war Mitbegründer der Kapelle Alderbuebe und absolvierte relativ spät ein akademisches Violinestudium. Nach Jahren der volksmusikalischen Betätigung im traditionellen Rahmen hat er sich mehr und mehr mit älteren Schichten Appenzellerischer Musik beschäftigt. Damit hat er wichtige Impulse für die Erneuerung der Volksmusik gesetzt.

Porträt von Noldi Alder

 

Auch die zum Teil an Hochschulen ausgebildeten Geschwister Küng suchten nach neuen klanglichen Möglichkeiten für das überlieferte Material. Dabei sind sie viel näher als Noldi Alder an der Tradition. Sie spielen in Tracht, die Noldi längst abgelegt hat, eine « gepflegte » Appenzeller Streichmusik, aus der immer wieder ungewohnte Töne durchscheinen. 

 

Jodeldiskurse

Einen Sonderstatus in der Schweizer Volksmusik hat das seit über 100 Jahren vom Eidgenössischen Jodlerverband reglementierte Jodeln. Dass das wortlose Singen noch ganz andere Ausdrucksmöglichkeiten erlaubt, wird bei der Jodlerin Nadja Räss (*1979), dem Stimmakrobat Christian Zehnder (*1961), der äusserst vielseitigen Barbara Berger (*1970) und der dem Jazz zugerechneten Sängerin Erika Stucky (*1962) deutlich. Die klassisch ausgebildete Nadja Räss gilt als eine der vielseitigsten Jodlerinnen der jüngeren Generation. Sie bewegt sich mit grosser Sicherheit sowohl in der Kunstmusik als auch in der Volksmusik. Sie rollt die Volksmusik quasi von innen heraus auf, indem sie sich wirklich auf das Erbe einlässt, aber mit grosser Neugierde fragt, was hinter den unumstösslichen Setzungen des Eidgenössischen Jodlerverbandes steckt. So interpretiert sie nicht nur neuere, zum grossen Teil eigene Kompositionen, sondern singt auch die verschiedensten Arten und Stile Schweizer Naturjodel und einschlägigen Jodellieder, die sie selbst in aufwendigen Recherchen ausgräbt und arrangiert; das klingt lebendig und zuweilen sogar experimentell. Bemerkenswert ist, dass Nadja Räss immer in Tracht auftritt. 2018 übernahm Nadja Räss die Leitung des Studiengangs Volksmusik an der Hochschule Luzern von Dani Häusler.
Der charismatische Musiker Christian Zehnder aus Basel hat nach einem Stimmpädagogischen Studium Obertongesang, Körperstimmtechniken und verschiedene Jodeltechniken gelernt. 1996 gründete er mit dem Basler Alphornspieler Balthasar Streiff (*1963) das zu Beginn vor allem im Ausland wahrgenommene Duo Stimmhorn. Die Musik von Stimmhorn war abermals eine neue Erfahrung mit akustischen Landschaftsbildern der Alpen. Von überall blitzen Spuren von Klängen, Tönen und Geräuschen die man, ohne sie je gehört zu haben, unwillkürlich mit den Alpen in Verbindung zu bringen glaubt. Auf diesen Konnotationsregistern spielt Zehnder auch in seinen Folgeprojekten. Sein früherer Mitstreiter Balthasar Streiff ist mittlerweile mit dem Ensemble Hornroh ebenfalls sehr erfolgreich unterwegs. Streiffs Alphorn- und Büchelquartett bewegt sich zwischen Klangspuren volksmusikalischer Idiome und Neuer Musik.

DUO STIMMHORN - Trioahattalaha

 

Wenn nicht schon bei Christian Zehnder, so verlassen wir spätestens und endgültig mit der Walliser Performerin, Sängerin und Akkordeonistin Erika Stucky die ausschliessliche Perspektive der Volksmusik. Die in San Francisco geborene Musikerin schmeisst zwar reichlich mit Versatzstücken aus dem akustischen traditionell-alpinen Material um sich. Mit ihrer erfrischenden Bühnenpräsenz ist sie, von erstklassigen Jazzmusikern umgeben, aber letztlich in einem intelligenten, kabarettistischen fun jazz angesiedelt. Eine brückenschlagende Beschäftigung mit Volksmusik ist es nicht. Dennoch ist auch Erika Stucky dem Kontext der Neuen Volksmusik zuzuordnen. International ist sie inzwischen eine der erfolgreichsten Musikerinnen der Schweiz.

Portät von Erika Stucky

 

Jazz und Volksmusik - oder umgekehrt

Der in den 1960er-Jahren sehr erfolgreiche Jazztrompeter Hans Kennel (*1936) hatte bereits 1982 mit den Alpine Jazz Herd erste Schritte hin zu einer zeitgenössischen alpinen Musik unternommen. Allerdings war hier die Perspektive eindeutig der Jazz. Mit dem 1990 gegründeten Alphornquartett Mytha war Kennel so weit ins Volksmusikalische eingetaucht, dass er zum Anstifter weiterer Entwicklungen in der neuen Volksmusik wurde und zudem das Alphorn vermehrt von Jazzmusikern eingesetzt wurde. Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang seine Zusammenarbeit mit der Sängerin Betty Legler (*1961), dem Jazzkomponisten und Improvisator Christoph Baumann (*1954) und dem erfindungsreichen Flötisten Matthias Ziegler (*1955), die 2002 gemeinsam die gelungene kollektive Komposition « Wanderung durch alpine Klangwelte » Chriesibaum im Jahresring erarbeitet haben. Noch mehr Aufmerksamkeit erzeugte Kennel mit den von ihm entdeckten Geschwistern Schönbächler, die unter dem Namen s’Heuis Lieder im Stil der Jodler aus dem entlegenen innerschweizerischen Muotathal sangen.
Albin Brun (*1959) aus Luzern kommt ursprünglich aus der Folk-Bewegung und hat über den Jazz zur Volksmusik gefunden. Zusammen mit der vielseitigen und versierten Akkordeonistin Patricia Draeger ist er in vielen eigenen und fremden Projekten unterwegs. Zuletzt machte er im Duo mit der jungen Kristina Brunner (*1993) am Cello und Örgeli auf sich aufmerksam.

ALBIN BRUN & KRISTINA BRUNNER - Een van Terschelling

 

Folk und der Blick zurück nach vorn

Ein weiteres Sammelbecken für viele hervorragende Musiker*innen, etwas durchlässiger für äussere Einflüsse, etwas folkiger und doch durchwegs der Schweizer Volksmusik zugetan, ist die im Jahr 2000 gegründete Gruppe Doppelbock und das Projekt eCHo mit dem Multiinstrumentalisten Dide Marfurt (*1957) an der Spitze. Die Gästeliste von Doppelbock liest sich wie eine Who is Who der neuen Schweizer Volksmusik. Zum Stamm von Doppelbock gehört auch der Schwyzerörgeli spielende Simon Dettwiler (*1976) der wiederum in der Formation Pflanzplätz zu Hause ist, in der auch der Örgelispieler Thomas Aeschbacher (*1966) mitspielt, der zuweilen auch mit seinem Vater Werner Aeschbacher (*1945) zusammen auftritt. Ein Dauergast bei Doppelbock ist die exzentrische Schauspielerin, Jodlerin und Geigerin Christine Lauterburg (*1956). Zuweilen eher assoziativ als streng traditionell erfindet sie eigene, zuweilen poppig-groovende Klangräume, in denen sie ihre erfrischende Jodeltechnik einsetzen kann.

DOPPELBOCK - Wänns winteret

 

Mit fast identischem Personal wie Doppelbock spielt die Gruppe Landstreichmusik unter der Leitung des Geigers Matthias Lincke (*1974), der wie Andi Gabriel wesentlich dazu beiträgt, dass die Geige wieder in die (neue) Schweizer Volksmusik eingezogen ist.  Die Halszither ist ein weiteres Instrument, das von dieser Szene wiederbelebt worden ist. Hier haben sich vor allem Lorenz Mühlemann und Thomas Keller grosse Verdienste erworben.
All diese Musiker*innen suchen in der Vergangenheit nach Inspiration für eine ganz gegenwärtige Musik. So werden die starken Verkrustungen einer reglementierten, kommerzialisierten, instrumentalisierten oder einfach nur verschlafenen Volksmusik aufgebrochen. Ganz tief in eine Zeit, als es vielleicht noch keine Volksmusik nach heutigem Verständnis gab, wagte sich Urs Klauser mit seinen Mitstreiter*innen und der bereits um 1985 gegründeten Gruppe Tritonus vor.  Zusammen mit dem Schaffhauser Instrumentenbauer Beat Wolf begründete er eine akribisch erforschte, zuweilen hoch spekulative Auseinandersetzung mit der Volksmusik aus der Zeit vor der Romantik, über die wir heute nur wenig wissen.

TRITONUS @Stubete am See

 

Rätoromanische Sonderwege

Eine ganz eigene Dynamik entwickelte die Musik aus dem rätoromanischen Sprachraum im Kanton Graubünden. Von dort stammt die in der vierten Landessprache singende, umtriebige Corin Curschellas (*1956), die mit immer wieder neuen Formationen und Themen die Bühne betritt. Sie hat wie nur wenige, internationale Verbindungen weit in die Theater- und Jazzwelt hinein und lebte lange Zeit im Ausland. Kontakte und Freundschaften, die sie für ihre eigenwillige Umsetzung des Alpenthemas zu nutzen weiss. Die Musik Graubündens rückt auch der Klarinettist Domenic Janett (*1949) mit der Gruppe Ils Fränzlis da Tschlin in das Blickfeld, die in konzertanter Form darauf aufmerksam macht, dass der grosse Alpenkanton im Osten eine ganz eigene Farbe in das Spektrum der Schweizer Volksmusik mit einzubringen weiss. Die Fränzlis da Tschlin haben inzwischen einen bemerkenswerten Wandlungsprozess vollzogen. Aus einer Herrenformation ist eine weiterhin sehr aktive und erfolgreiche, junge und weiblich dominierte Familienkapelle geworden.

Porträt von Ils Fränzlis da Tschlin

 

Nach 2010

Die Mehrzahl der bis hierhin vorgestellten Exponenten sind in den 50er- und 60er-Jahren geboren. Eine neue Generation von Musiker*innen ist inzwischen schon längst unterwegs und macht klar, dass die Neue Schweizer Volksmusik keine Momentaufnahme war, sondern auch in den kommenden Jahren noch mit grossem Potenzial unterwegs ist. Unter den Erneuerern jüngerer Zeit sind vor allem der Örgeler Marcel Oetiker (*1979) und der Geiger Andreas Gabriel (*1982) zu nennen. Andi Gabriel hat zusammen mit Markus Flückiger und dem ebenfalls in Luzern ausgebildeten Bassisten Pirmin Huber (*1987) mit der Gruppe Ambäck grösste Erfolge zu verzeichnen. Sie repräsentieren in etwa die Quintessenz aus vielem, was sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten in der neuen Ländlermusik musikalisch getan hat.

AMBÄCK - Prediger Nr.10

 

Zum sehr erfolgreichen Nachwuchs der Hochschule Luzern gehören der Hackbrettspieler Christoph Pfändler (*1992), die Geigerin Maria Gehrig (*1988) und ihr Bruder am Akkordeon, Fränggi Gehrig (*1986), oder Kristina Brunner (1993), die auch mit Albin Brun zusammen spielt.
Motor dieser Entwicklung ist zweifelsohne der 2006 eingerichtete Studiengang Volksmusik an der Musikhochschule Luzern, der bereits eine beträchtliche Anzahl exzellenter Musikerpersönlichkeiten ausgebildet hat. Grossen Einfluss auf diesen Nachwuchs haben zahlreiche der hier genannten Musiker*innen, die an der Hochschule in der Ausbildung tätig sind. Insbesondere Markus Flückiger, der auf das Repertoire der aktuellen Volksmusik wie kaum ein anderer einen prägenden Einfluss hat.

Die Bühnen der neuen Volksmusik

Mit dem Aufkommen der Bewegung entstanden auch neue Festivals. Als Erstes hatte man in Altdorf im Kanton Uri den Braten gerochen und unter dem Namen Alpentöne 1999 geradezu den Prototyp eine neuen Festivals ins Leben gerufen, das seinen Fokus auf zeitgenössischer Musik mit explizitem Bezug zum Alpenraum und den Alpen hat und zunächst vom Leiter des einstigen Vienna Art Orchestra, Mathias Rüegg, inhaltlich konzipiert wurde. An drei Tagen treten alle zwei Jahre über 50 Formationen auf. Neue Volksmusik ist dabei in Altdorf nur einer von vielen möglichen Aspekten einer alpinen Klangvorstellung.
Ein weiteres Festival mit ähnlicher Ausrichtung ist das von Peter Roth gegründete und 2020 erstmals von Christian Zehnder geleitete Naturstimmen-Festival der Klangwelt Toggenburg, mit starkem Bezug zur Naturtönigkeit der Volksmusik der Ostschweiz. Ganz anders das Volkskulturfest Obwald, das extreme kulturelle Gegensätze einander gegenüberstellt. So sind neben einem Klosterchor aus Bhutan traditionelle lokale Volksmusikformationen zu hören.

Volkskulturfest OBWALD | Gastland Ägypten

 

Ein weiteres wichtiges Festival hat mit der Stubete am See der Tonhalle-Klarinettist Florian Walser (*1965) gegründet. Er hat sich mit dem Bauernmusik-Ensembles D'Sagemattler und eifachs.ch um die Wiederbelebung historischer Volksmsuik verdient gemacht. Das Zürcher Festival lotet mit zahlreichen Kompositionsaufträgen und Konzerten mit grossen Formationen wie dem Ländlerorchester ebenfalls die Grenzbereiche zur Volksmusik aus.
Weitere Festivals und Musikreihen sind inzwischen entstanden. Genannt sei das Heiden Festival, das Alpenklang Festival für Neue Volksmusik in Bern, die Zürcher Reihe Volksmusig im Volkshuus, die Basler Stubete in der Markthalle oder die Pöstli Stubete im Restaurant alte Post im Aeugstertal, um nur einige zu nennen. 

Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende

Die neue Volksmusik der Schweiz hat sich mittlerweile so stark etabliert, dass der von vielen Musikern ohnehin abgelehnte Begriff eigentlich fast schon obsolet geworden ist. Er unterstellt eine Differenzierung, die es in der Realität inzwischen in dieser Deutlichkeit nicht mehr gibt. Wie alles Musikschaffen hat sich auch in der Volksmusik das Spektrum der Möglichkeiten markant erweitert, was ihr zu Recht eine gute Aussicht für eine zukünftige Volksmusik der Schweiz gibt. 

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