Porträt & Reportage, Bericht, Neuerscheinungen

Rotationen

Der Zürcher Musiker Martin Lorenz befindet sich im ständigen Rollenwechsel zwischen Komponist, Interpret und vorsichtigem Initiator.

Lisa Nolte, 2018-01-04
Rotationen - Martin Lorenz © Ulla C. Binder
Martin Lorenz © Ulla C. Binder

Was ist als nächstes geplant? – «Zurzeit nichts so richtig.» – Reduktion scheint ein durchgängiges Thema zu sein in deiner Arbeit. – «Weiss ich gar nicht. Ich frag mich grad.» – Deine Werktitel sind zum Beispiel oft sehr knapp beschreibend: Oscillations, Continuum, Structure-borne Noise... – «Da fällt mir einfach nichts ein.» Martin Lorenz lacht und schaut herausfordernd. Wer dem Schweizer Schlagzeuger, Elektroniker, Komponisten und Label-Gründer begegnet, sollte sich nicht auf den ersten Eindruck verlassen.

 

Theater

Es ist Mitte Dezember, Nachmittag und bereits dunkel vor dem Museumscafé des Hamburger Bahnhofs in Berlin. Martin Lorenz kommt frisch von der Probe mit dem Synthesizer-Trio Surberg–Berweck–Lorenz. Vor wenigen Tagen hat er sein Bühnenjahr 2017 in der Gessnerallee Zürich abgeschlossen mit der letzten Vorstellung des Theaterstücks Egoisten – bereits die vierte Produktion der Kompanie Schauplatz International, an der er mitgewirkt hat. «Bei meiner ersten Zusammenarbeit mit Schauplatz 2013 für Idealisten war der Auftrag einfach: Schreib die ideale Musik – was mir extrem entgegenkam.» In Anlehnung an das Idealdenken der Renaissance erarbeitete Lorenz eine Suite für Akkordeon und Schlagzeug mit variabler Satzfolge, die sich zwischen Andrea-Gabrieli-Bearbeitungen und Eigenkompositionen bewegt.

Die Idealarchitektur des Theaters von Sabbionetta stand Pate für das Bühnenbild von «Idealisten» und für die Musik zum Stück. © Dorothea Tuch

 

«Ich habe auch immer wieder Theatermusik für andere gemacht. Je nach Regisseur kamen dann aber Anfragen wie: ‹Kannst du was machen, das ein bisschen Drive hat oder Melancholie oder sowas wie Prince?› Das sind alles Kategorien, die mit Zahlenreihen eher schwierig zu fassen sind.» Und Zahlenreihen spielen eine zentrale Rolle in den Arbeiten des 1974 geborenen Zürchers.

 

Kunst

Die inneren Anknüpfungspunkte, die sein strukturbasiertes Kompositionsdenken als künstlerische Grundhaltung zu angrenzenden Disziplinen hin öffnen, führten zu einem langjährigen Austausch mit der Malerin Silva Reichwein. Sine Grey nennen die beiden die «audiovisuelle Anordnung», die sie daraus entwickelt haben. Reichweins Ölbilder, deren Flächen und Farbrhythmik ebenso mit Zahlenreihen durchgetaktet sind wie die Bewegung einzelner Schwingungszyklen durch die sechs Lautsprecher der Klanginstallation Rotation, die im Hinblick auf die gemeinsame Ausstellung 2016 im Berliner Verein zur Förderung von Kunst und Kultur entstanden ist, treten darin in Dialog.

Silva Reichweins «Telegon 30 (rhythm for 4 trangles)» wurde 2016 zusammen mit Martin Lorenz' Installation «Rotation» und Aufführungen seiner «Oscillations» für tief gestimmtes Instrument und Elektronik von 2012 präsentiert

 

«Ich wollte auch mal ein Bild von ihr direkt in Musik übersetzen, habe es aber nicht fertiggebracht, eine schlüssige Zahlenreihe daraus abzuleiten, weil man es so vielfältig lesen kann.» Die handwerkliche Sorgfalt und geduldige Detailarbeit, die den Schaffensprozessen der beiden zugrunde liegen, lässt eine erst kürzlich – ein Jahr nach der Ausstellung – erschienene Buch- und Audiodokumentation zu ihrer Kooperation lebendig werden.

 

Schlagzeug

Vielleicht ist es diese mitunter skrupulöse Arbeitshaltung, die Lorenz lieber weniger als zu viel über seine Pläne verraten lässt. Allein aus deren Diversität spricht jedoch schon die Experimentierfreude. Seine Stelle als Schlagzeuglehrer kündigte Lorenz schon bald nach Abschluss der eigenen klassischen Ausbildung, weil sich der Schulalltag nicht mehr mit seinen zahlreichen Projekten vertrug. Der Wunsch nach eigenen Programmen mit grösseren Solowerken kam auf. In dieser Zeit begegnete er immer wieder dem Zürcher Komponisten Edu Haubensak, mit dem er unter anderem als Mitglied des Collegium Novum Zürich bereits mehrfach zusammengearbeitet hatte. Begonnen 2010 mit Three Timpani für einen Schlagzeuger, entstanden seither verschiedene Auftragsarbeiten und Aufnahmen für kleine Besetzungen in Zusammenarbeit. «Ich mag kleine Besetzungen. Undirigiert bringt doch oft grosse Freude mit sich. Es ist einfach spannender, wenn ein bisschen Chaos drin bleibt. Ich versuche, innerhalb des strengen Notentextes zu improvisieren. Es gibt das Gesetz der Partitur, es gibt aber auch das Gesetz des Augenblicks.»

 

28. November 2017 im Zürcher Kunstraum Walcheturm: Die Luft flirrt. Schwebungen sind plötzlich wie eine spitze Säule hervorgebrochen aus einem Strom von stetig sich wandelnden Patterns. Martin Lorenz steht seinem Duopartner Sebastian Hofmann gegenüber, beide hoch konzentriert, zwischen ihnen zwei Vibraphone. Eines davon weist an den Unterseiten der Klangstäbe leichte Einbuchtungen auf. Das Instrument hat 2012 seine ganz eigene Stimmung erhalten für Haubensaks Vibraphonsolo H. Eine solche Sonderanfertigung lohne sich aber nicht für ein einziges Stück, so Lorenz, weshalb er Haubensak anschliessend mit dem Duo Ponds beauftragt habe.

Den Abend beschliesst die Komposition Dans une Cascade (2012) für 4-Kanal-Tonband und Schlagzeug des Westschweizers Antoine Chessex. Über Minuten hinweg bauen ein Sinuston-Glissando und Pianissimo-Trommelwirbel darin ein auskomponiertes Crescendo auf. Das Programm Schlagzeug Duo & Elektronik hat bewusst Freiräume gelassen, wie Lorenz erläutert: «Jeder Musiker bringt durch seine Gestik und seine Körperhaltung Ausdruck mit. Wenn dann noch ein Ausdruck komponiert ist, widersprechen und nivellieren sich die beiden. Es gibt viele Leute, die hören Musik, wie sie einen Satz lesen, nach einer Logik. Ich habe gern Musik, bei der ich auch mal abschweifen kann und dann wieder einsteigen, ohne den Zusammenhang zu verlieren.»

 

Vinyl

Schon früh führte diese Ästhetik Lorenz an die Grenzen der klassischen und zeitgenössischen Musik. Nicht selten fiel dabei der Blick in die USA und verband sich mit einem wachsenden Interesse an Vinyl. Begonnen beim Hip-Hop, gefolgt von Christian Marclays Experimenten mit zerschnittenen Platten und schliesslich mündend in der Gründung des eigenen Labels DUMPF und der Formation Trabant Echo. Was als Duo für Turntables und akustische Bassgitarre (Tobias von Glenck) begann, ist heute freilich angewachsen zum Trabant Echo Orchester, das sich stilistisch zwischen amerikanischer Avantgarde und Pop für Trio Basso, Klavier und Schlagzeug bewegt.

 

Als Solo-Turntablist hat Lorenz schon lang eigene Wege eingeschlagen, arbeitet mit eigens für seine Sets aufgenommenen und selbst mit Ritzungen präparierten Platten, die für sich genommen schon als kleine Objekte gelten können.

Martin Lorenz, LOOP 06, handcrafted vinyl, LE 20/20

 

Also, nochmals die Frage: Was ist geplant? – Ein Konzert zum 35. Jubiläum des Trios KARL ein KARL, Uraufführungen von Bernhard Lang in Luxemburg und von Alfred Zimmerlin in der Schweiz. Bei DUMPF sind einige Releases ausstehend, darunter eine Einspielung von Michael Pisaros Concentric Rings In Magnetic Levitation. Mit dem Komponisten Luc Döbereiner hat Lorenz zudem eine Software entwickelt, die es erlaubt, bei einer Sinuskurve für jeden Schwingungszyklus einzeln die Frequenz zu bestimmen. Eine Compilation mit Auftragswerken für dieses Verfahren soll entstehen. «Der Fokus der Platten, die bei uns erscheinen, lag bisher recht streng auf elektronischer und elektromechanischer Musik. Das möchte ich ein bisschen öffnen.» Auf die Frage, in welche Richtung es gehen soll, wird er dann aber doch wieder vorsichtig: «Das weiss ich noch nicht so genau. Es wäre schön, wenn andere mithelfen würden zu kuratieren. Aber die richtigen Leute habe ich noch nicht gefunden.»

 

0:00
0:00