Neuerscheinungen

Safran und Wiesel

Streifzüge durch die schrägen Klangsammlungen des Trios Kimmig–Studer–Zimmerlin

Derek Taylor - 2017-11-09
Safran und Wiesel - Alfred Zimmerlin, Harald Kimmig und Daniel Studer (v.l.n.r., Screenshot, Video © Franz Bannwart)
Alfred Zimmerlin, Harald Kimmig und Daniel Studer (v.l.n.r., Screenshot, Video © Franz Bannwart)
Safran und Wiesel - Alfred Zimmerlin, Harald Kimmig und Daniel Studer (v.l.n.r.) © Marc Doradzillo
Alfred Zimmerlin, Harald Kimmig und Daniel Studer (v.l.n.r.) © Marc Doradzillo

Die vermeintliche Grenze zwischen Improvisation und Komposition war stets Futter für heftige Auseinandersetzungen. Steve Lacy äusserte bekanntermassen einmal die Meinung, dass der musikalische Schaffensprozess bei ersterer an den Moment gebunden sei, während letztere den Luxus zeitlicher Grosszügigkeit erlaube – was als Unterscheidungsdefinition so gut dient, wie jede andere. Die einen finden solche Abgrenzungen überflüssig. Die anderen bauen darauf ihre musikalische Identität auf.

Das Deutsch-Schweizerische Streichtrio Kimmig–Studer–Zimmerlin um Violinist Harald Kimmig, Cellist Alfred Zimmerlin und Kontrabassist Daniel Studer ist sich dieses geschichtlichen Hintergrunds sehr bewusst. Als Kollektiv erfahren in der Präzision Freier Improvisation, haben die drei Musiker ihr Talent ebenso in klassischen Settings und sogar im Jazzbereich entfaltet (Kimmig als Mitglied von Cecil Taylors erweitertem Feel Trio).

 

Die Musik auf Im Hellen gehört eindeutig zur ersten Kategorie und entsteht aus der geschliffenen Trippelattacke der Musiker, die oft hypnotisierend ist in ihrer Exaktheit und Intensität.

 

Flatternde Kratzer

Die neun Stücke ergeben zusammen eine Dreiviertelstunde kleinster und äusserst subtiler Gesten, die sich zu oft schrägen Klangsammlungen verbinden. Im Opener Im deutlichen Morgen flattern und tanzen Kratzer, Klopfer und durchscheinende Verzierungen entlang gegenläufiger Bewegungsbahnen. Insbesondere Kimmig gelingt es, ausfasernde Linien zu ziehen, die so fein sind, dass sie fast fandendünn wirken.

In Was Wiesel wissen gesellen sich pikante Pizzicato-Tropfen zu sporadischen Arco-Rinnsalen in einer von mikrotonaler Energie durchdrungenen Musik, die von den Räumen und Stille zwischen dem Gespielten genauso bestimmt wird wie von den tatsächlich erzeugten Klängen. Out of Reach schwebt und summt über weite Strecken hinweg an den Rändern des Hörbaren. Geriebene Saiten führen in leise überlappende Drones, die greifbare Spannung verströmen, während sie die Dezibelzahl zuverlässig niedrig halten.

© Marc Doradzillo

 

Sägende Alchemie

Obgleich Zurückhaltung und Minimalismus integrale Bestandteile der Methoden des Trios sind, besteht sein Programm nicht nur aus Mikrogesten und respektvollen Einwürfen. Unter Kinnhöhe erhöht durch einen stechenden und eilenden Austausch von Klanghageln zunehmend Lautstärke und Dichte.

Safran im Februar baut sich auf aus einem Wald geplagter Saiten, in dem besonders Studer ein Radaudickicht losbrechen lässt, das sich sofort aufraut und verstärkt, während Kimmig ungerührt darüber hinwegsägt mit aggressiven Einlagen, die die Reissfeste seiner Saiten herausfordern. Hinüber oder vielleicht deutet eine Melodie mit Instrumenten an, die eine  schmerzvolle Bahn sich kreuzender Linien bewältigen.

Im Verlauf all dessen verschwimmen die zuvor erwähnten Grenzen angenehm und lösen sich in Willkür auf, sodass nur Musik in einem ungetrübten Stadium gegenseitigen Einvernehmens und Entwickelns übrigbleibt. Mit anderen Worten: Es ist genau die Art von Alchemie, die zur aktiven Aufnahme durch neugierige Ohren einlädt.

Kimmig–Studer–Zimmerlin: Im Hellen | hat[now]ART 201

 

Ein Artikel von Derek Taylor, zuerst veröffentlicht in Dusted Magazine im September 2017.

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