Porträt & Reportage

Sammeln und Verwerten zwischen Zeiten und Medien

Die Grenzen zwischen visueller und akustischer Verarbeitung von eigenem und historischem Material sind fliessend im Werk des Künstlers Jannik Giger.

Moritz Achermann - 2017-09-26
Sammeln und Verwerten zwischen Zeiten und Medien -
Sammeln und Verwerten zwischen Zeiten und Medien - Jannik Giger im Ausstellungsraum Klingental vor seiner Installation «Gabryś und Henneberger – Transformationen»
Jannik Giger im Ausstellungsraum Klingental vor seiner Installation «Gabryś und Henneberger – Transformationen»

Jannik Giger hört erst mal hin. Der 1985 geborene Balser Komponist und Videokünstler sammelt seit seiner Studienzeit Klänge und Sounds, die ihn faszinieren. So ist über die Jahre ein Archiv von Samples entstanden, das ihm als Inspirationsquelle und Material für sein kompositorisches Schaffen dient.

 

Gegenwärtige Historizität und transformierte Vergangenheit

Für seine Neuvertonung des Stummfilmklassikers Nosferatu – eine Symphonie des Grauens (1922), die am Musikfestival Bern 2017 zur Uraufführung kam, greift er auf Versatzstücke aus Soundtracks zu Filmen von David Lynch oder Alfred Hitchcock sowie auf Fragmente aus der romantischen Klangwelt Franz Schuberts zurück. Diese Reminiszenzen geistern zum einen als zugespielte Samples und zum anderen in kompositorischer Neuschöpfung für vierzehn Instrumente durch die Partitur und verbinden so die Historizität des Films mit der Gegenwart seiner Aufführung.

 

In der Transformation dieser Spuren klingender Vergangenheit und ihrer Gegenüberstellung mit live agierenden Musikerinnen und Musikern verwischt Giger die Trennlinien zwischen realer und virtueller Klangerzeugung. Er löst den herkömmlichen filmmusikalischen Orchesterklang auf, indem er ihn wiederum mit einer Soundcollage verfremdeter Orchesterklänge überschreibt. Das ist von berauschender Klangsinnlichkeit und fügt sich geschickt in die poetische Bildwelt Friedrich Wilhelm Murnaus, unterstreicht die Dramaturgie des Films und bleibt dennoch eine eigenständige Sinneinheit. Ferner weist Gigers Komposition ihre Zitatebene immer wieder als solche aus und wird so zur Reflexion über Wesen und Wirkung von Filmmusik.

 

Das Spiel mit den Rollen

Das Hinterfragen von Medium und Kunstproduktion zieht sich durch das Schaffen Jannik Gigers und tritt in seinen Kunstgattungen übergreifenden Arbeiten deutlich zutage. In der Performance Maestro (2016) liess er drei Musiker des Zürcher Ensembles Retro Disco zu historischen Sprachaufnahmen Igor Stravinskys beim Proben seiner eigenen Orchesterwerke musizieren und entspann so einen fiktiven Dialog zwischen dem toten Komponisten und den Musikern, die Gigers Komposition über diese Sprachfetzen aufführen.

 

Die Videoinstallation Gabryś und Henneberger – Transformationen von 2014 beschäftigt sich mit der Frage nach Autorschaft in zeitgenössischer Musik und dem Abhängigkeitsverhältnis zwischen Dirigent und Interpret. Auf einer Leinwand ist Jürg Henneberger dabei zu sehen, wie er Gigers Komposition Clash, die er 2013 mit dem Ensemble Phoenix Basel uraufgeführt hatte, für die Kamera dirigiert. Auf einer zweiten Leinwand erscheint der Kontrabassist Aleksander Gabryś, der zu diesem tonlosen Ablauf von Schlagfiguren, Bewegungen und Gesten improvisiert. Zu hören ist also eine Neuinterpretation von Gigers Musik durch die Hände des Dirigenten und die Imagination des Instrumentalisten.

Jannik Giger im Ausstellungsraum Klingental vor seiner Installation «Gabryś und Henneberger – Transformationen»

 

Ein ähnliches Verfahren wandte Giger in seiner Arbeit Intime Skizzen (2016/17) an. Hier wurden Skizzen und Fragmente des tschechischen Komponisten Leoš Janáček von den Musikerinnen des Mondrian Ensembles interpretiert und variiert. Giger filmte die Musikerinnen bei der Arbeit und bei Gesprächen über Janáčeks Musik und schuf daraus eine Konzertinstallation, in der seine auf Improvisationen der Interpretinnen basierenden Kompositionen den Filmaufnahmen begegnen. Durch Janáčeks intime Skizzen erhalten wir so einen Einblick in den intimen Raum des Übe- und Arbeitsprozesses der Musikerinnen.

 

Musiktheater in Berlin und Basel

Gigers kompositorische Kunst besteht in der organischen Einbindung des Fremdmaterials – sei es nun von Janáček, Schubert oder Béla Bartók – in seine eigene Klangsprache. Er lässt die tonalen und harmonischen Anklänge durchschimmern, ergänzt und umspielt sie jedoch geschickt mit mikrotonalen Verfärbungen und geräuschhaften Sounds. Er lässt den verschiedenen Klangwelten den Raum, sich zu entfalten, lässt sie lustvoll aufeinanderprallen und schliesslich neu zusammenwachsen.

Momentan arbeitet Jannik Giger zusammen mit dem Performance- und Klangkünstler Leo Hofmann und Regisseur, Performer und Dramaturg Benjamin van Bebber an einer Musiktheaterproduktion über einen Text des deutschen Autors Rainald Goetz, die im Herbst 2018 in Berlin und im Gare du Nord in Basel Premiere feiern wird.

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