Neuerscheinungen

Schnaubend unterwegs

Der Akkordeonist Hans Hassler legt auf seiner neuen Solo-CD Fährten bis in die entlegendsten Winkel seiner weitläufigen Klanglandschaft.

Tobias Gerber - 2018-01-18
Schnaubend unterwegs - Hans Hassler © Francesca Pfeffer
Hans Hassler © Francesca Pfeffer

Zuerst sind da vor allem Fragen: Wohin?, Wozu?, Einerlei oder Zweierlei? Richtung und Zweck des Unterfangens sind unbestimmt, und dort, wo später nicht Fragezeichen die Titel der Stücke markieren, lauern gerne rätselhafte Bilder: Da trifft etwa eine geometrische Figur auf einen Teppich, oder einer Sanduhr mangelt es an rieselndem Inhalt.

Nicht als Grübler aber erweist sich der Akkordeonist Hans Hassler auf seiner neuen, beim Zürcher Label Intakt Records erschienenen CD wie die zeit hinter mir her, sondern als einer, der die Zuhörenden lustvoll durch die verschlungenen Windungen seiner musikalischen Topographie lenkt – eine über Jahrzehnte gewachsene Welt, in der Hasslers Grenzgängertum zwischen volksmusikalischen und jazzigen Gefilden als sedimentierter Erfahrungsschatz ein ganz eigenes Idiom hervorgebracht hat. Vorhersehbar ist auf diesem Boden wenig.

 

Klangdramaturgie zwischen Spurensuche und Narration

Melodien, die fährtenähnlich eine Richtung zu weisen scheinen, kehren mäandernd wieder zu ihrem Ausgangpunkt zurück, verzweigen sich, fransen aus: Aus Spuren werden Texturen, Melodielinien verwirren sich zu Klangknäulen, und wenn der Akkordeonist sorgsam einen fast narrativen Verlauf gestaltet, so muss damit gerechnet werden, dass er diesen im nächsten Moment schelmisch und klangmächtig einfach überpinselt.

So überraschend die dramaturgischen Wendungen, so vielfältig sind Hasslers klangliche Mittel. Da ist nicht nur die kontrastreiche Konfrontation der äussersten Register des Instruments – hier spitzige Höhen, Sinustönen ähnlich, dort heiser brummelnde Tiefen –, sondern der Klangraum geht weit darüber hinaus: Tasten klappern, das Instrument schnaubt ungestüm, schroffe rauschklangartige Pulsationen kreieren ein unwirtliches Terrain.

Hörproben aus dem Album

 

Der «Akkordämon» macht die Musik

Eine eigentümliche und berückende körperliche Qualität eignet der Aufnahme von Willy Strehler, die vielleicht fragen lässt, wessen Körper hier eigentlich am Werk ist: jener des Instrumentalisten, jener des klingenden Apparats? Vermutlich ist es jener Akkordämon, der als Namensgeber für eines der Stücke (Nummer 13!) fungiert und den man sich wohl als sonderbare Verschaltung von Mensch und Instrument vorstellen muss, wie sie nur selten vorkommt. Oder etwas konkreter: als jener Akkordeonist mit seinem Instrument, der in den 15 Stücken von wie die zeit hinter mir her schalkhaft und kontemplativ, gewaltig und feinfühlig, kantig-geräuschhaft oder stramm pulsierend auf immer wieder neuen Pfaden durch das so vertraute wie stets überraschende Hasslersche Universum führt.

 

wie die zeit hinter mir her, Hans Hassler: Akkordeon solo,
Intakt Records, CD 288 / 2017.

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