Interview

Türöffner in andere Welten und Zeiten

Das „Institut für incohärente Cinematographie“ zelebriert mit Stummfilmen und experimenteller Musik Kulturgut und Kultur-Clash.

Lisa Nolte, 2018-03-06
Türöffner in andere Welten und Zeiten - Das Lo-Fi Sci-Fi Impro Committee vertont Fritz Langs „Metropolis" in Shanghai (2012) © Michelle Ettlin
Das Lo-Fi Sci-Fi Impro Committee vertont Fritz Langs „Metropolis" in Shanghai (2012) © Michelle Ettlin
Türöffner in andere Welten und Zeiten - Das IOIC mit Iokoi zu Gast beim Lago Film Fest 2013 © IOIC
Das IOIC mit Iokoi zu Gast beim Lago Film Fest 2013 © IOIC
Türöffner in andere Welten und Zeiten - „Marathon der Abendteuer“ 2014 im Kunstraum Walcheturm Zürich © IOIC
„Marathon der Abendteuer“ 2014 im Kunstraum Walcheturm Zürich © IOIC

Fast ein Jahrzehnt ist es her, dass Pablo Assandri und Martin Boyer erstmals einen Filmmarathon in einem besetzten Atelierhaus in Zürich veranstalteten. Heute führt ihr „Institut für incohärente Cinematographie“ (IOIC) regelmässig Musikerinnen und Musiker der experimentellen Szene zu Stummfilmvorführungen mit Live-Musik auf der schweizerischen und internationalen Bühne zusammen. Mit swissmusic.ch sprachen die beiden IOIC-Gründer über ihre musikalische Neugier, das schwierige Exportgut Stummfilm und Zukunftspläne.

 

Was ist „incohärente Cinematographie“?

Pablo Assandri (P.A.): Der Begriff referiert auf einen Film von Georges Méliès, Le voyage à travers de l’impossible. Dort gibt es ein „Institut für incohärente Geographie“, das „Reisen durchs Unmögliche“ unternimmt. Ein italienischer Filmwissenschaftler hat das, was Méliès macht, als „incohärente Cinematographie“ bezeichnet. Wir fanden den Namen grossartig, vor allem weil er das Ernste und Spielerische verbindet. Wir verbinden Filme ohne integrierten Ton mit Musik.

Ihr habt 2010 mit mehrtägigen Tonfilmmarathons begonnen. Was hat euch dazu animiert, das Programm durch Stummfilme mit Live-Musik zu ergänzen?

P.A.: Schon ein Tonfilmmarathon ist ein Event für sich, weil er ein nicht ganz alltägliches Erlebnis bietet: Man kommt zusammen, kann Quervergleiche zwischen Filmen ziehen. Aber wenn man das noch mit Live-Musik kombiniert, gewinnt es diesen Charakter der Einzigartigkeit, vor allem mit improvisierter Musik. Beides interessiert ein cinephiles Publikum. Aber es erweitert natürlich den Kreis, wenn du Leute ansprichst, die einfach wegen der Musik kommen. Diese Leute schauen die Filme zum Teil nur noch als Visuals.

 

Marathon of the arts - IOIC Silent Film Festival 2013

 

Mehr als weisshaarige Stummfilmpianisten

Für jeden Stummfilmmarathon gibt es ein Titelthema. Was versprecht ihr euch davon?

P.A.: Andere Stummfilmfestivals zeigen in erster Linie frisch restaurierte Filme mit historischer Vertonung. Wir wollen thematisch vorgehen, unter anderem weil das viel einfacher ist, wenn man auch „Nicht-Nerds“ zu so einer Veranstaltung bringen will. Wir nehmen dafür in Kauf, dass es vielleicht Filme gibt, die nur in DVD-Qualität gezeigt werden. Deshalb werden wir ein bisschen schräg angeschaut von der Silentfilm-Community. Wir haben einen völlig anderen Zugang und arbeiten auch mit einer anderen Art von Musik: mit Musikerinnen, Musikern und Bands, die einen spezifischen Sound haben.

 

Für die IOIC-Veranstaltungen wird der Zürcher Kunstraum Walcheturm ein Mal im Jahr in eine andere Welt verwandelt, wie im November 2012 für den „Marathon der Weiblichkeit“ © Vernon Deck

 

Ihr setzt euch als ein Ziel, „kulturelle und soziale Vielfalt“ in euren Programmen zu präsentieren.

M.B.: Das hat den Vorteil, dass man Leuten Musikrichtungen näherbringen kann, die sie sich von Hause aus nicht gönnen würden. Wenn zum Beispiel im Filmpodium eine Noise-Band spielt und es gibt ein Publikum, das eher klassische Musik oder traditionellen Jazz gewöhnt ist, und der Film mit diesem Ungewohnten zu einem Genuss für so ein Publikum zusammengebracht werden kann, ist das doch ein Türöffner in andere Richtungen.

Wie führt ihr Musiker und Filme zusammen?

P.A.: Meist schaue ich für die Marathons ein paar hundert Stummfilme, mache Listen zu bestimmten Themen und lege dann das Thema fest. Das nächste ist zum Beispiel Leben und Tod. Dafür haben jetzt schon ca. 13 Formationen zugesagt.
M.B.: Wir sind auch die ganze Zeit an Konzerten, um zu schauen, was es gibt.
P.A.: Das Ideal ist, Musikerinnen und Musiker zu nehmen, die sonst nichts mit Stummfilm am Hut haben, ihnen einen Film zu geben, auf den sie nie gekommen wären, von dem man aber denkt, das könnte passen. Dann hofft man, dass da etwas Neues entsteht.

 

Dominik Blum (links) und Hans Koch (rechts) vertonen Guido Brignones „Maciste in Hell“ im Royal Baden (2015) © IOIC

 

Ist bei den Musikerinnen und Musikern, die regelmässig beim IOIC zu Gast sind, eine Entwicklung zu erleben im Umgang mit Filmvertonung?

P.A.: Es gibt die aus dem Pop-Rock-Bereich, die nicht unbedingt die grossen Improvisatoren sind, sondern mehr einen Band-Sound kreiert haben. Bei denen ist es schwieriger, den richtigen Film zu finden. Die anderen sind die Improvisatorinnen und Improvisatoren. Denen könnte man eigentlich irgendeinen Film geben. Aber die Gefahr, die man dort läuft, ist, dass man beim Typ weisshaariger Stummfilmpianist landet, der eigentlich jeden Film vertonen könnte, aber alle klingen mehr oder weniger gleich. Das kann man abwenden, indem man sie jedes Mal mit neuen Musikerinnen und Musikern zusammensetzt.

 

Reisen ins Unbekannte

Ihr veranstaltet auch ausserhalb von Zürich, bisher in der Schweiz, Europa, China und Afrika, darunter auch in Ländern, in denen der Stummfilm nicht etabliert ist. Habt Ihr dort einen anderen Umgang mit der Materie festgestellt bei den Musikerinnen und Musikern?

P.A.: In China zum Beispiel sind sie viel respektvoller mit dem kulturellen Erbe Stummfilm, weil sie wissen, dass sie ihr eigenes mehr oder weniger zerstört haben in der Kulturrevolution. Wir hatten in China ein Impro-Orchester mit Musikerinnen und Musikern von hier und von dort initiiert. Die chinesischen Musikerinnen und Musiker haben sich genauer am Plot orientiert und waren vorbereiteter.

Wie hat das funktioniert?

P.A.: Am Anfang hat es geharzt. Es gab Kommunikationsprobleme. Wie man miteinander umgeht, wie man etwas erarbeitet, das ist komplett unterschiedlich. Das ist nicht einfach. Aber auch zwischen Schweizer Musikerinnen und Musikern, die eher von der Elektronikschiene kommen und solchen aus der freien Improvisation gab es Reibungen. Was aus all dem dann entstanden ist, das war schon sehr schön. Genauso das Feedback der Leute. Wir haben das Stummfilmpublikum in Zürich in den letzten Jahren massiv vergrössert. Aber in China ist das völlig anders. Kino ist dort entweder völliger Kommerz oder gar nicht. Wenn da ein Stummfilm kommt und dann noch mit experimenteller Musik, flippen die Leute aus. Das ist sehr schön festgehalten im Dokumentarfilm über die IOIC-China-Tournee The Man Who Moved the Mountain.

 

The Man who moved the mountain (The IOIC China Tour - 2012)

 

M.B.: Ich habe hingegen letzten Sommer eine Méliès-Soirée in Kampala veranstaltet. Dort war es schwierig, überhaupt einen Ort zu finden und dann ein Publikum, das sich dafür interessiert. Weil man sich als Europäer in Uganda in dieser Expat-Bubble bewegt, waren die Gäste schlussendlich Westlerinnen und Westler. Auch wenn die Musiker – das waren Einheimische, die traditionelle Musik spielten – das super gemacht haben und es total spannend fanden, hatten beide so etwas noch nie erlebt.

Aber in der Bevölkerung selbst hast du kein Interesse dafür aufbauen können?

M.B.: Es ist schwierig, wenn man so etwas nur punktuell macht. Die meisten Leute dort gehen nie ins Kino. Es gibt Kioske, da kann man sich Filme auf einen USB-Stick laden. Die guckst du Zuhause oder in improvisierten Bretterbudenkinos. Allgemein ist das Kulturleben nicht wie hier. Es gibt ab und zu ein grösseres Festival und eine typische Pop-Musik, die muss man mögen können, aber kaum klassische Musik, nur ein paar Musikschulen, die vielleicht zweimal im Jahr ein Konzert geben. Dann gibt es Clubs, wo Live-Musik gespielt wird. Da stehen zehn gut ausgebildete Musikerinnen und Musiker auf einer Bühne, die vier Stunden lang Hits der letzten 50 Jahre spielen, und das Publikum ist im Ibizza-Modus.

Trotzdem plant ihr jetzt etwas Neues für Afrika...

P.A.: Das wollten wir schon immer machen, aber es ist ein Langzeitprojekt. Das Problem mit Afrika und Stummfilm ist: Es gibt keinen. Es gab nur ein paar wenige Missionare oder Europäer, die in den Süden gegangen sind und gedreht haben. Aber du kannst nicht Missionarsfilme zeigen in Afrika. Bei Recherchen sind wir dann auf den Film Der Afrikaflug von Walter Mittelholzer gestossen. Er ist 1926/27 von Zürich Tiefenbrunnen aus mit seinem Wasserflugzeug bis Cape Town geflogen in 77 Tagen. Das war ein riesen Medienspektakel in der Schweiz. Der Film romantisiert Afrika aber auf eine Art, in der auch eine überholte rassistische Perspektive liegt, die man so nicht stehen lassen kann. Es ist eben die Ethnologie der 20er-Jahre: Alles ein bisschen gestellt nach dem Idealbild des „edlen Wilden“. Unsere Idee ist, diesen indirekten Rassismus kritisch aufzuarbeiten, statt Mittelholzer als den Volkshelden zu feiern, der er damals war für die Leute. Wir wollen drei fixe Stationen haben, an denen die Hauptanlässe stattfinden werden: Ägypten, Südafrika und Äthiopien. Wann das alles umgesetzt wird, ist aber noch ganz offen. Zunächst gehen wir auf Recherchereise.

 

Nächste Termine auf www.ioic.ch

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