Bericht

Zusammen allein

Das ensemble proton bern und das Ensemble Vortex aus Genf haben sich zu einem Joint-Venture mit drei neuen Schweizer Werken zusammengetan.

Anja Wernicke - 2017-11-21
Zusammen allein -
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Basel, 31.10.2017 – «Die Musik als gemeinsame Sprache lässt uns den fiesen Röstigraben überwinden.» Das haben sich die Beteiligten des Projekts Protex – Vorton zum Glück nicht gedacht. «Ein Treffen über den Röstigraben hinweg muss keine sentimentale Sache sein.» Das scheint schon eher der Ansatz von Michel Roth, Fernando Garnero und Arturo Corrales gewesen zu sein, als sie ihre Kompositionen für das ensemble proton bern und das Ensemble Vortex entwickelten. Nach Konzerten in der Fonderie Kugler in Genf und der Dampfzentrale in Bern haben die beiden Ensembles unter der musikalischen Leitung von Matthias Kuhn nun im Gare du Nord Basel Station gemacht.

 

Eine Spielanweisung gegen den Pseudo-Individualismus

Statt zu demonstrieren, wie hervorragend die 15 Musikerinnen und Musiker zusammenspielen können, liess der Luzerner Michel Roth lieber erstmal jeden für sich spielen. Musik ist eben keine universelle Sprache, sondern häufig genug ein Mittel zur Abgrenzung. Das verdeutlicht Roth in seinem neuen Werk pod, in dem er ein aktuelles gesellschaftliches Thema als Ausgangspunkt nimmt: Was passiert, wenn sich eine Gruppe von Menschen in einem Raum zusammenfindet und sich gleichzeitig durch Kopfhörer voneinander abkapselt?

Ensemble Vortex und ensemble proton bern bei Proben in der Fonderie Kugler Genf, Foto ZvG

 

Als «Hommage an Jacques Tati» deklariert, ist pod auch eine Spielanweisung mit Hindernissen. Die Musikerinnen und Musiker imitieren auf ihren Instrumenten ihre im Voraus ausgewählte Lieblingsmusik, die über die Kopfhörer eingespeist wird. Das Gespielte wird wiederum live aufgezeichnet und durch elektronische Filter gejagt. Je genauer sie imitieren, umso stärker ist die Verfremdung, bis am Ende nur ein weisses Rauschen übrigbleibt. Michel Roth nennt das Experiment einen akustischen Radiergummi – der den Pseudo-Individualismus auslöscht, möchte man hinzufügen. Das Publikum ist mit einer Horde Selbstgestalter konfrontiert. Dass das nicht in Kakophonie und Klamauk ausartet, weiss der Komponist mit einer klaren Werkstruktur zu verhindern.

 

Vereinigung – kontemplativ und energetisch

Um eine Zusammenführung disparater Klangelemente geht es auch in Junkspace von Fernando Garnero. Angelehnt an die Ideen des niederländischen Architekten Rem Kolhaas zum postmodernen Raum und dem daraus entwickelten Konzept des «Junkspace» werden instrumentale Klänge der neun Musikerinnen und Musiker mit elektronisch eingespielten Geräuschartefakten verbunden. Das Ergebnis ist ein kontemplatives, wellenartiges Klangbild, das nicht vorwärtskommt. Ein bewegter Stillstand, in den sich wunderbar eintauchen lässt.

 

Umso deutlicher in eine Richtung geht es dann im letzten Stück des Abends: Riff von Arturo Corrales für E-Gitarre, sechs Instrumente und Elektronik. Faszinierend, wie es dem aus El Salvador stammenden Komponisten gelingt, die Klänge des Solisten Emilio Guim im Ensemble zu spiegeln. Klassische Streicher mimen den rauen Distorsion-Sound und harte Rock- und Heavy-Metal-Rhythmen. Corrales, selbst Co-Gründer des Ensemble Vortex, arbeitet oft mit popmusikalischen Bezügen und führt diese in die Extreme. Ein energetischer Konzertabschluss, der nicht nur den Röstigraben überspannt.

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