Porträt & Reportage

Zwischen neuem Repertoire und Do-it-yourself

Die Landkarte der Schweizer Musikvermittlung ist bunt, gut gefördert und gefordert. Um Anerkennung muss sie mitunter trotzdem ringen.

Rebekka Meyer - 2018-03-22
Zwischen neuem Repertoire und Do-it-yourself - Aufführung von „Drachencamping", einer Oper von Kindern für Kinder, entstanden im Rahmen des Projekts „Winterthur schreibt eine Oper" des Musikkollegium Winterthur (2017)
Aufführung von „Drachencamping", einer Oper von Kindern für Kinder, entstanden im Rahmen des Projekts „Winterthur schreibt eine Oper" des Musikkollegium Winterthur (2017)
Zwischen neuem Repertoire und Do-it-yourself - Philipp Bartels (links) und Simone Keller (rechts) bringen als Kollektiv ox&öl unter anderem Kinder und Senioren mit zeitgenössischer Musik in Berührung. © Sascha Erni 2012
Philipp Bartels (links) und Simone Keller (rechts) bringen als Kollektiv ox&öl unter anderem Kinder und Senioren mit zeitgenössischer Musik in Berührung. © Sascha Erni 2012

„Mein Lieblingsklang sind Gespenster, die machen buuh-buuh!“ sagt ein Mädchen aus Cademario im Tessin. Zum friedlichen Wasserplätschern erzählt ein Junge aus dem basellandschaftlichen Therwil: „An diesem Brunnen wurde meine Schwester getauft, ganz normal mit Wasser. Danach haben wir Blumen und Schiffchen ins Wasser geworfen.“ Klänge umgeben uns andauernd und erzählen Geschichten. Seien es die Klänge der Natur, der Zivilisation oder diejenigen unseres eigenen Körpers. Die Klangeindrücke der beiden Kinder entstammen der Hörlandkarte von Zuhören Schweiz.

Von Kindern mit dem Vermittlungsverein „Zuhören Schweiz“ erarbeitet: eine Hörlandkarte der Schweiz

 

Über mehrere Jahre hinweg erarbeiteten Schulklassen aus der ganzen Schweiz gemeinsam mit Musikern Hörstücke mit und über die Klänge ihrer Welt. Initiiert wurde das Projekt von Sylwia Zytynska – es spiegelt zugleich ihre grundsätzliche musikpädagogische Herangehensweise, als deren Basis sie John Cage nennt: „Ich möchte, dass Kinder die Schönheit der Klänge erfahren. Es müssen nicht alle ein Instrument spielen oder ins Konzert gehen, aber sie sollen der Welt zuhören.“, so die Schlagzeugerin. Die Sensibilität, die das Kind dabei entwickle, könne es im nächsten Schritt vielleicht ins Konzert führen.

 

Ins Konzert also, aber wohin?

Mittlerweile dürfte diese Frage einfach zu beantworten sein; Konzertformate und Musiktheater für Kinder und Jugendliche sowie vermittelnde Angebote wurden in den letzten Jahren immer stärker in den Fokus gerückt. Ein ganz eigenes Genre, das dabei entstanden ist, ist die zeitgenössische Kinderoper. Aufgrund des fehlenden Repertoires sehen sich die Opernhäuser gezwungen, Zeitgenössisches zu spielen und mittels Aufführungen und begleitender Schulprojekte Kinder an eine Form von Musik heranzuführen, die den meisten von ihnen im Alltag nicht ständig begegnet. Auch deswegen werden viele Uraufführungen initiiert sowie Kompositionsaufträge vergeben.

Kulturelle Bildung ist in aller Munde, wird gefördert, aber auch gefordert. Dabei werden Vermittlungsangebote für Kinder und Jugendliche bisweilen zwar als Leuchtturmprojekte nach aussen getragen, intern aber nicht ernst genommen – durch die niedrigen Ticketpreise rentieren sich diese Veranstaltungen kaum, ausserdem bekommen sie von der Presse wenig Beachtung. Das Problem der fehlenden Ehrlichkeit kennt auch Sylwia Zytynska, die ständig auf der Suche nach guten Projekten für den Basler gare des enfants ist, den sie seit langem leitet: „Education-Projekte erhalten leichter Finanzierung und das wird leider immer wieder missbraucht. Zum Beispiel durch den fehlenden künstlerischen Anspruch, in erster Linie etwas für Kinder kreieren zu wollen.“

Barbara Balba Weber, Autorin von „Entfesselte Klassik. Grenzen öffnen mit künstlerischer Musikvermittlung", bei den Proben für ihr musikalisches Generationenprojekt „Silberwellen im Röseligarten"

 

Klassik entfesseln – am liebsten durch Partizipation

Nichtsdestotrotz: Die meisten Projekte sind engagiert und aufrichtig. Zum Beispiel das grosse, dreiteilig angelegte Opernprojekt Winterthur schreibt eine Oper des Musikkollegium Winterthur. Dabei entwickelten Schülerinnen und Schüler mithilfe professioneller Unterstützung eine ganze Oper selber, mit allem, was dazugehört: Von der Musik über den Text bis zum Bühnenbild und den Kostümen. Wichtig ist auch das Engagement von kleineren Ensembles, wie zum Beispiel dasjenige des Zürcher Kollektivs ox&öl. Piccolo Concerto Grosso ist ein generationenübergreifendes, seit 2013 kontinuierlich weitergeführtes Projekt, welches Schulklassen und Senioren zum gemeinsamen Musizieren, Improvisieren und Komponieren auffordert und sie zu einem grossen Abschlusskonzert führt.

 

Die weitgestreute Verankerung von Vermittlung zeigt sich nicht nur institutionell, sondern auch wissenschaftlich und publizistisch. Die Musikvermittlerin Barbara Balba Weber etwa dissertiert an der Hochschule der Künste Bern über die Vermittlung von neuer Musik und regt durch Publikationen den Diskurs über kulturelle Teilhabe an, ganz aktuell mit ihrem Ende März erscheinenden Buch Entfesselte Klassik. Grenzen öffnen mit künstlerischer Musikvermittlung.

Fast allen beschriebenen Projekte gemein ist die Partizipation, immer noch das zentrale Mittel der Musikvermittlung. Direkter Einbezug lässt sich in der Musik schwerer herstellen als in anderen Künsten. Gerade in der klassischen Musik gelten absolute Perfektion und staunenerregende Virtuosität weiterhin als unerlässlich. Neue Musik kann da gegensteuern und die Kreativität fördern, zum Beispiel durch das Erfinden und Finden von Klängen oder das Erzeugen von Stimmungen durch einfache Mittel. Auch deswegen arbeitet Sylwia Zytynska fast ausschliesslich mit neuer Musik: „Neue Musik hat den Vorteil, abstrakt, losgelöst und frei von Formen zu sein, was in der Arbeit mit Kindern unzählige Möglichkeiten bietet.“ Das Wichtigste sei dabei vor allem, eine Balance zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten zu finden. Dann würden sie ganz unvoreingenommen ausprobieren und ihrer Fantasie freien Lauf lassen.

 

Weitere Kursangebote und Vorstellungen von Vermittlungsprojekten finden sich laufend auf den Websites von Zuhören Schweiz und Gare des Enfants.

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