Die Volksmusik ist heute viel freier als früher

Festivals

Ein Gespräch mit Florian Walser, Gründer und Leiter des Zürcher Festivals Stubete am See.

Johannes Rühl - 2020-09-11
Die Volksmusik ist heute viel freier als früher - Thomas Aeschbacher & Traktorkestra - Stubete am See ©Johannes Rühl
Thomas Aeschbacher & Traktorkestra - Stubete am See ©Johannes Rühl

Was ist Tradition?

Florian Walser: Das ist das, was an dem Ort entsteht, wo ich lebe, die Musik, die hier gepflegt und überliefert wurde. Alles, was mich umgibt, prägt diese Tradition und damit auch meine Musik. Das ist dann für mich Tradition.

Und was ist Volksmusik? 

Volksmusik ist Tanzmusik. 

Ist denn jede Volksmusik Tanzmusik?

Ich würde sagen, ja. Wir wissen, wie problematisch der Begriff Volksmusik ist. Ich finde eigentlich den Begriff Tanzmusik viel besser. Das ist eine Musik, die rhythmisch so gestaltet ist, dass man dazu tanzen kann.

Gibt es denn auch Volksmusik, die keine Tanzmusik ist?

Ja natürlich, zum Beispiel das Zäuerli. Bei uns gibt es allerdings kaum Volksmusik, die nicht tänzig ist.

Was ist denn an der neuen Schweizer Volksmusik noch Volksmusik? Getanzt wird dazu ja so gut wie nie.

Weil das Tanzen zu dieser Musik aus der Mode gekommen ist. Und doch ist der Grossteil dieser Musik tanzbar. An der Stubete am See nehmen wir mit der Tanzbühne diesen Faden wieder auf. Da wird auch neue Musik gespielt. Und auch wenn sie neu ist, muss diese Musik, wie früher, einfach und erkennbar sein, um danach tanzen zu können.  

Hat Volksmusik denn nicht viel mehr etwas mit sozialen Schichtungen zu tun?

Ich glaube nicht. Ich glaube, Volksmusik ist immer schichtübergreifend gewesen. Es brauchte immer gebildete Leute, die diese Musik überliefert haben, dadurch, dass sie sie aufschreiben konnten. Andere haben das dann gespielt. Ich glaube nicht, dass es so extrem an eine Schicht gebunden gewesen ist, diese Auffassung scheint mir eher eine Täuschung zu sein. Auch der gängige Begriff « Bauernmusik » für die kleine Blasmusik in der Schweiz ist eigentlich irreführend.
Was wir heute überblicken können, das reicht bis etwa 1750 zurück, die Zeit, in der wir auf die ersten Quellen stossen. Es hat immer Menschen gegeben, die sich mit Volksmusik beschäftigt haben. Auf verschiedene Weise. Es gibt genügend Beispiele komponierter Volksmusik, die in das traditionelle Repertoire übernommen worden ist. Auch in der Kirche haben dieselben Musiker* dann selbstverständlich nach Noten gespielt.

Es gibt aber auch eine Definition, die voraussetzt, dass Volksmusik oral tradiert sein muss.

Das gilt vielleicht für die Zeit, als die Musiker* unkundig in der Notenschrift waren. Sobald sie anfingen etwas aufzuschreiben, galt dieses Paradigma nicht mehr. Eine gewisse Oralität hat es sicher immer gegeben. Trotzdem wurde sehr viel aufgeschrieben und die Notenblätter und Notenhefte wurden gehütet wie ein Schatz. Den ganzen Boom um die neue Volksmusik, die sich stark auf eine alte Volksmusik stützt, gäbe es nicht, wenn es nicht diese schriftlichen Quellen gäbe. 

Was waren Deine Motive, das Festival Stubete am See zu gründen?

Durch meine Tätigkeit in der Zürcher Tonhalle sind mir diese Räume sehr vertraut, die früher auch ganz anders genutzt wurden. Z.B. vor 1939, bevor das Kongresshaus angebaut wurde. Man hat vor den Konzerten oft Unterhaltungsmusik gespielt; drinnen im Restaurant oder draussen im Garten. Mich hat es immer gestört, dass diese Räume heute nur so elitär genutzt werden. Das war der Beweggrund für mich, die Volksmusik in diese Räume zurückzubringen. 2006, als wir das Festival mit Unterstützung von Pro Helvetia gegründet haben, war die neue Volksmusik gerade sehr im Aufbruch. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dem Festival heute noch den Untertitel « neue Volksmusik » geben würde.

Stubete am See 2018

 

Ist Zürich denn ein authentischer Ort? Volksmusik wird doch eher mit ländlicher Umgebung in Verbindung gebracht. Warum soll ausgerechnet in der grössten Metropole der Schweiz das wichtigste Festival, das sich mit Erneuerungen der Volksmusik beschäftigt, angesiedelt sein?

Zürich ist mein Arbeitsort und für mich war die Reintegration der Volksmusik ins Urbane massgebend. Insofern ist der Standort auch historisch motiviert. Schon dadurch, dass in den 1930er-Jahren die Ländlermusik von Zürich ausstrahlend ihre Hochblüte hatte. Es ist mir ausserdem ein grosses Anliegen, die Spartentrennung in der Zürcher Tonhalle aufzubrechen und der einfachen Musik, die Grundlage der « Klassischen Musik » ist, wieder in diese Räume zurückzuführen. Und was Zürich betrifft, sind wir auch nicht mehr die Einzigen. Seit ein paar Jahren gibt es die Reihe Volksmusig im Volkshuus, die ebenfalls neue Volksmusik bringt.

Aber die Ländlermusik war doch über viele Jahrzehnte das Herzstück der Schweizer Volksmusik. Wieso interessiert dich die nicht so sehr?

Weil sie irgendwann langweilig wurde. Diese Epoche ging über 50 Jahre. Sie hat extrem lange gedauert, und sie dauert immer noch an. Das wäre auch okay so, wenn daneben noch etwas anderes sichtbar gewesen wäre. Alles, was es sonst noch gab, wurde regelrecht vergessen.

Du meinst die Musik vor der Einführung des Akkordeons?

Ja, primär war das die Streichmusik, oft in gemischt besetzten Ensembles. Also ein viel breiteres Instrumentarium, wo eine Begleitung auf mehreren Instrumenten stattfand und nicht nur auf einem oder zwei Schwyzerörgeli. Die frühere Instrumentenvielfalt machte die Musik viel farbiger und feiner. Typisch für die Ländlermusik ist, dass man die Melodie virtuos, aber streng im Dreiklang umspielt. Das wird mit diesem Instrumentarium mit der Zeit einfach langweilig.

Löst die neue Volksmusik diese Vielfalt wieder ein?

Ja, ich finde schon. Wobei diese neue Musik die althergebrachte traditionelle Musik mit einbezieht. Musik, die aufgrund von Recherchen wieder aufgetaucht ist. Solche Forschungsprojekte gehören für mich dazu, weil wir in der Deutschschweiz im 20. Jahrhundert unsere Wurzeln total vergessen haben. Das ist im Moment ein prägendes Charakteristikum der neuen Volksmusik in der Schweiz, dass sie mit einem Fuss in der Volksmusik des 19. Jahrhunderts steckt und mit dem anderen in einer zeitgenössischen Sicht auf die Tradition.

Volksmusiker behaupten  eine sehr alte Tradition zu pflegen, die es immer schon gab. Wie reagiert die traditionelle Musik auf diese Paradigmenwechsel? Die neue Volksmusik bricht das  auf. Welchen Einfluss hat die neue Volksmusik auf die traditionelle Volksmusik?

Mir scheint, der Einfluss wird immer grösser. Es wird immer offensichtlicher, dass man in der neuen Volksmusik nicht mehr einfach über die Tradition hinweggeht und alles Alte ablehnt. Im Gegenteil, alle die neuen Volksmusiker*innen berufen sich heute ausdrücklich auf ihre Wertschätzung der Tradition. Und das kommt in der traditionellen Szene gut an. Insofern glaube ich, dass die Leute, die traditionell spielen, die Angst vor diesen technisch versierten studierten Musiker*innen ein bisschen verloren haben. Man lässt sich sogar gegenseitig beeinflussen. Das sieht man inzwischen auch beim Schweizer Fernsehen. Schau, bei der letzten Ausgabe der SRF-Produktion Viva Volksmusik mit Nicolas Senn, dieser Riesenkiste am Samstagabend. Diesen Sendungen sieht man extrem gut an, dass die Erneuerungsbewegung viel bewirkt hat. Da taucht plötzlich und selbstverständlich ziemlich viel neue Volksmusik auf. Etwas, das es in dieser Form vor 20 Jahren nicht gab. Ich finde, Nicolas Senn und sein Team leisten eine hervorragende und wichtige Arbeit.

 

Hat die neue Volksmusik denn die ausgeprägten lokalen Eigenarten verwischt?

Überhaupt nicht! Hör mal eine Komposition von Albin Brun an, diese Musik klingt einfach extrem nach Innerschweiz. Ich meine, auch diese jungen Leute bewegen sich in denselben Parametern, je nachdem, wo sie herkommen und musikalisch sozialisiert wurden. Natürlich sind externe Einflüsse als Ferment für etwas Neues gross.

Gibt es genug Nachwuchs und neue Formationen, um ein so grosses Festival wie die Stubete am See alle zwei Jahre programmieren zu können?

Ich bekomme die 32 Programmplätze jedes Mal problemlos gefüllt. Und es wird immer einfacher. Es werden immer mehr, die sich wirklich intensiv mit der Volksmusik befassen. Das war in meiner Generation anders. Bis ich 20 war, habe ich einen grossen Bogen um diese Musik gemacht. Obwohl mir so etwas gefehlt hat, eine Musik, die aus meiner Umgebung, aus meinem eigenen Land kommt. Ich glaube, das ist auch heute noch für viele Musiker*innen ein inneres Bedürfnis, diese Musik zu spielen.

Was macht denn den Reiz dieser Musik aus? Die Schweizer Volksmusik hat  kaum den Groove wie z.B. die irische Musik.

Das hat damit etwas zu tun, dass die Monotonie dieser fernsehtauglichen Mainstream-Ländlermusik überwunden wurde. Wie ich schon sagte, viele sind auf der Suche nach dem, was wir verloren haben. Sicher ist die neue Volksmusik heute auch ein Mischmasch aus allen möglichen Stilen. Aber auch das hat es in jeder Volksmusik schon immer gegeben, dass sie sich von anderer Musik hat inspirieren lassen. Es kommt noch ein weiterer positiver Aspekt dazu. Die neue Volksmusik heute ist viel freier als früher. Sie ist auch freier als z.B. die klassische Musik. Ich glaube, das ist auch der besondere Reiz daran. Das schafft viel Raum zum Experimentieren, ohne dass man gleich von der Bühne gejagt wird. Und wenn es sich bewährt, wird nach einer gewissen Zeit jede Erneuerung bald als Tradition empfunden. Bestes Beispiel dafür sind die Hujässler. Ihr Stil hat heute einen prägenden Einfluss auf die ganze Szene.

Was ist denn mit Musikern wie Dr Eidgenoss oder mit dem ebenfalls höchst erfolgreichen Männerchor Heimweh? Ist das auch neue Volksmusik?

Die beiden Ensembles zeigen typisch, wie ich oft lange hin und her schwanke. Dr Eidgenoss wäre mir für dieses Festival zu traditionell, da fehlt mir die Weiterentwicklung. Und Heimweh würde ich sofort programmieren, wenn ich die technischen Möglichkeiten am Festival hätte. Wir spielen in Konzertsälen, die rein akustisch funktionieren und können uns technische Ausrüstungen für vollverstärkte Musik nicht leisten.

HEIMWEH - Verruckti Wält

 

Die spielerische Qualität der zahlreichen Musikerinnen und Musiker hat sich inzwischen markant verbessert. Was hat die Ausbildung an der Hochschule in Luzern verändert?

Die Vielfalt an immer wieder neuen Besetzungen hat sehr viel mit diesen Leuten von der Hochschule zu tun. Sie setzen für mich allerdings etwas zu wenig auf eine Marke. Dieselben hoch qualifizierten Musiker*innen tauchen immer wieder in neuen Zusammensetzungen auf. Wohl, weil sie einfach sehr viel ausprobieren wollen. Als Festivalleiter möchte ich  mithelfen, die Ensembles bekannter zu machen und ihnen eine öffentliche Sichtbarkeit über das Festival hinaus bieten.

Zuweilen hat man das Gefühl, es gibt mehr Gruppen als Musiker.

Ja, so ungefähr. Dennoch, diese Leute, die das studieren, bringen dem Genre sehr viel. Wobei ich nicht finde, dass es ein eigenes Genre ist. « Neue » Volksmusik gab es im Grunde immer schon. Es gab immer schon Leute, die ständig etwas Neues erfinden. Wobei meist das Gute bleibt, alles andere wird vergessen. Ich glaube sogar, dass dieser Trend noch zunehmen wird. Es gibt immer mehr junge Musiker*innen, die etwas Neues schaffen.

Und die Schweizer Volksmusik insgesamt, ist sie in einem guten Zustand?

Ja. Auch auf das Fernsehen bezogen ist die Entwicklung sehr positiv. Ich kann mir sogar vorstellen, dass man noch extremere Sendungen zeigen könnte, die das Neue noch mehr herausstellen. Nicolas Senn hat angekündigt, an die Stubete am See zu kommen und eine Potzmusig-Sendung zu machen. Das wäre dann endlich mal ein Sendegefäss, das sich ganz der Neuen Volksmusik zuwendet. Wobei wir  auch traditionelle Musik im Programm haben.

Was glaubst Du, wie geht es weiter mit der neuen Volksmusik?

Ich vermute, den Begriff « neue Volksmusik » wird es bald nicht mehr geben, weil es ihn nicht mehr braucht.

Das ist doch eine wunderschöne Geschichte.

 

Florian Walser wurde in Zürich und Basel von Heinz Hofer, Elmar Schmid und Hans Rudolf Stalder zum Klarinettisten ausgebildet. Während seines Studiums trat er 1990 ins Tonhalle-Orchester Zürich ein, wo er seit 30 Jahren tätig ist. Als Mitarbeiter bei der Herausgabe der Volksmusiksammlung Hanny Christen, kam er zum ersten Mal intensiv in Kontakt mit alten Schweizer Volksmusikquellen. Er gründete  die Streichkapelle D’Sagemattler und die Blechkapelle eifachs.ch. Mit der Idee für ein Festival für neue Schweizer Volksmusik gewann er 2008 den Wettbewerb «Echos» von Pro Helvetia. Die Stubete am See in der Klassikhochburg Tonhalle findet seitdem alle zwei Jahre unter seiner künstlerischen Leitung statt. 2012-2014 ist Florian Walser Geschäftsführer des Zentrums für Appenzeller und Toggenburger Volksmusik im Roothuus Gonten. 2014-2019 ist er Mitglied der eidgenössischen Jury des Schweizer Musikpreises, davon zwei Jahre als Präsident.


 

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