Filmmusik in der Schweiz : Ein Überblick

Panorama

Institutioneller Auf- und Ausbau einer Kunstform

Steffen Schmidt - 2019-12-11
Filmmusik in der Schweiz : Ein Überblick - Der Studio in ZHdK  ©ZHdK
Der Studio in ZHdK ©ZHdK

Filmmusik boomt. Was vor nicht allzu langer Zeit noch abschätzig bemustert und kaum der Beachtung für wert befunden wurde, ist heute nicht nur beim Publikum beliebt, sondern auch in Forschung und Lehre fester Bestandteil des Kanons. 
Der Markt wächst. Welche Möglichkeiten der Aufführungen, des Studiums, der Förderung gibt es mittlerweile und welche fehlen? In dieser spannenden Phase des umfassenden Auf- und Ausbaus von Filmmusikinstitutionen gibt folgender Artikel einen Überblick für Filmmusikschaffende und -interessierte: von Archiven über Festivals bis hin zu Vereinen und Hochschulen.

Keine Erwähnung finden an dieser Stelle Produktionsstätten, so wesentlich sie für die künstlerische und wirtschaftliche Situation der Filmmusik auch sind. Ebenso wenig geht es um die Nennung von Komponist*innen, es sei denn, sie stehen im Kontext von aktuellen Anlässen wie Preisverleihungen und hier erwähnten Filmmusikstudiengängen oder sie sind Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses. Zudem sei darauf hingewiesen, dass der Artikel selbst bei den gewählten Themenfeldern keinerlei Vollständigkeit beansprucht, sondern vielmehr ein Panorama über die Filmmusiklandschaft in der Schweiz anbieten möchte.

Filmmusik studieren

Lange Zeit kamen die für den Film Komponierenden, auch viele der jetzt noch lebenden, aus dem Studium der klassischen Musik, später auch des Jazz. Jedoch hat sich der Bereich Filmmusik derart differenziert, dass er sehr spezielle Anforderungen an die Komponist*innen stellt. Dazu gehören stilistische Breite und die Fähigkeit, sehr schnell zu produzieren. Filmmusik ist schon lange nicht mehr begrenzt auf die Sinfonik, sondern birgt ein ganzes Universum unterschiedlichster Klangmaterialien – von Elektronik über Geräusche bis hin zu exotischen Instrumenten. Dabei geht es immer auch darum, den Kontext des Films zu berücksichtigen, also sogenannte funktionelle Musik zu komponieren, die eine Beziehung zum anderen Medium herstellt. Viele namhafte Komponist*innen, wie etwa der Hollywood-Komponist Max Steiner, haben immer wieder darauf hingewiesen, dass es nicht darum gehe, autonome Musik zu komponieren.
Bis zum heutigen Tag ist es eine Seltenheit, „nur" Filmmusik an einer Hochschule studieren zu können. An den grossen Filmhochschulen gehört die Filmmusik allerdings dazu. Neben Paris, London, Potsdam-Babelsberg und Rom bieten auch Bern, Genf und Zürich entsprechend spezialisierte Studiengänge an.

Meist wird das Thema Filmmusik an Hochschulen nur berührt in Kursen allgemeinerer und übergreifender Art wie Contemporary Performance und Media Art. So ist zum Beispiel die École cantonale d’art de Lausanne ECAL spezialisiert auf Videokunst und lädt renommierte Künstler*innen auch aus dem Gebiet Musik ein. Unter ihnen finden sich Namen wie Laurie Anderson oder Nam June Paik. Filmmusik aber wird hier nicht speziell bedacht und die Musik ist generell nur schwach vertreten.
In der Schweiz ist die Situation der Filmmusiklehre je nach Ausrichtung der Hochschule sehr unterschiedlich. Ein umfassendes und übergreifendes Studium bei gleichzeitiger Spezialisierung bieten Genf und Lausanne gemeinsam an. An der Swiss Film Academy / Ecole de Cinéma, ansässig in Genf, können ausgiebige Kurse zu Filmmusik und Sound Design belegt werden. Die Beziehung zu New York durch die Swiss Film Academy ermöglicht ein bilaterales Studium.

An der Hochschule der Künste Bern HKB kann Filmmusik unter dem Dach des Studiengangs Sound Arts studiert werden. Das Fach deckt laut Website ein breites Spektrum ab: « Musik im medialen Kontext: Klangkunst, Filmmusik, elektronische Musik und viele Möglichkeiten und Interfaces, die Raum, Bewegung, Sound und Licht verbinden.». Als Bachelor-Studiengang angelegt, kann das Fach zum Master in Contemporary Arts Practice ausgebaut werden.
Die auf der Website präsentierten Projekte des Studiengangs zeigen ein deutliches Hauptgewicht im Bereich Sound Performance, doch finden sich unter den Abgänger*innen auch spezialisierte Filmkomponisten wie Bänz Isler und Roman Lerch, die beide Soundtracks für Werbe- bis Spielfilm geschrieben haben und sich in der Filmmusikszene etablieren konnten.

Die Zürcher Hochschule der Künste ZHdK bietet seit 2008 den Studiengang Komposition für Film, Theater und Medien, kurz FTM, an. Zunächst als Master konzipiert, kann das Fach nun auch mit Bachelor abgeschlossen werden. « Das Studium positioniert sich im Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch, breit gefächert solidem Handwerk und eigenständiger kompositorischer Profilierung einerseits und der Funktionalität und Anwendungs- und Marktorientierung von Komposition andererseits », heißt es auf der Website der ZHdK. Der Bachelor ist dabei als ein Netzwerk organisiert, in dem die Studierenden wie in einem Labor experimentieren und unterschiedliche Disziplinen – von Design über Fine Arts bis hin zu Tanz – ansteuern können. Der Master vertieft diese Möglichkeiten und bietet eine große Palette verschiedenster Lehrinhalte von der Filmmusik bis zur Installation. Zu den Alumni des Studiengangs zählt Michael Künstle, der seinen Master 2016/17 hier erlangte und mittlerweile an vielen Filmmusikprojekten beteiligt ist. Dabei setzt er in erster Linie auf eine stilistische Eigenständigkeit, die aber immer auch mit der Welt des Films in Resonanz steht.
Eine der jüngsten Absolvent*innen im Bachelor FTM ist Mirjam Schnedl. Nach dem Besuch zahlreicher Meisterkurse, u.a. bei Howard Shore, hat sie sich bereits mit Projekten in den Bereichen Game-Musik, Spiel- und Dokumentarfilm profiliert. 2018 gewann sie den Prix Taurus Studio pour la meilleure trame sonore suisse 2018 für die beste Musik beim Festival Animatou in Genf für den Film The Market of lost Things (2017). Die Entscheidung, Filmkomposition zu studieren habe sie bei einer Infoveranstaltung des Studiengangs gefällt. Obwohl sie ursprünglich geplant habe, eine universitäre Laufbahn einzuschlagen, sei ihr als geborener Synästhetikerin, die Farben sehe, wenn sie Musik höre, das Studium wie auf sie zugeschnitten vorgekommen. Sie schätze die Vielfalt der Kurse, die permanente Anpassung an die Bedürfnisse der Studierenden durch die Studiengangsleitung und schliesslich auch die hervorragende Infrastruktur, die es ermögliche, Projekte auf professionellem Niveau durchzuführen. Mehr Angebote für die Vorbereitung auf den Berufsalltag, wie das Abschliessen von Verträgen und Networking, würde sie jedoch als sinnvoll erachten. Als junge Frau sei es zudem nicht einfach, in der von Männern dominierten Filmwelt die Identität als Komponistin zu reflektieren; sie wünsche sich eine gender-neutrale Sprache im Unterricht. Ihre Erfahrungen mit den männlichen Lehrkräften seinen aber keineswegs negativ und sie sehe in der Szene, national wie international, immer mehr Frauen, die ihren Weg als Komponistinnen gingen.

Mirjam Schnedl, Master-Studierende der Film-, Theater- und Medienkomposition am Departement Musik der Zürcher Hochschule der Künste

 

Nationale Netzwerke in der eigenen Umgebung aufzubauen ist sicherlich die wichtigste Aufgabe von Filmkomponist*innen, die sich beruflich behaupten wollen. Bedeutsam aber ist es ebenso, international die Szene kennen zu lernen. Eine Initiative, die sich dafür einsetzt, ein länderübergreifendes Netzwerk der Hochschulen und Universitäten zu bilden, die in den Bereichen Filmproduktion, Sound Design und Medienmusikkomposition ausbilden, ist die im deutschen Köln durch den Kongress SoundTrack_Cologne ins Leben gerufene European Education Alliance for Music and Sound in Media (EEAMS). Sie unterstützt Lehrende, Studierende und Professionelle aus diesen verwandten Bereichen und schafft so einen inklusiven Rahmen, in dem interdisziplinäre Grenzen überwunden und Netzwerke gebildet werden können. EEAMS heisst sowohl Protagonist*innen europäischer Institutionen willkommen, als auch solche aus Programmen der USA, Asiens und Südamerikas.

Orchester, spezialisiert auf Filmmusik

Filmmusik hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte stark entwickelt hinsichtlich eines ausgesprochen differenzierten Instrumentariums. So zeigt sich eine Tendenz, exotische Instrumente ins Orchester zu integrieren, wovon Jerry Goldsmiths Partitur zu Alien ebenso zeugt wie unzählige Werke von Ennio Morricone. Zudem wurde in den letzten Jahrzehnten durch Soundtracks wie dem zu Star Wars von John Williams, dem zu Lord of the Rings von Howard Shore oder dem zu Gladiator von Hans Zimmer ein neues Konzertpublikum erschlossen. Und so steht Filmmusik immer mehr auf Konzertprogrammen der klassischen Klangkörper. Darüber hinaus gibt es aber auch Formationen, die sich ganz oder hauptsächlich dem Genre widmen, unter ihnen das 21st Century Orchestra. Es wurde 1999 gegründet von u.a. Ludwig Wicki und ist in Luzern ansässig. Zahlreiche Zusammenarbeiten dieses Klankörpers mit renommierten Komponisten wie Howard Shore führten zu Weltpremieren von Live-Aufführungen. 2008 spielte das Orchester den ersten Teil der Lord of the Rings-Trilogie. Das bis zu 100 Personen starke Orchester spielt häufig im Kultur- und Kongresszentrum Luzern KKL und führte in jüngster Vergangenheit u.a. die Musik zu Harry Potter von John Williams auf.

Andere kleinere Formationen widmen sich gezielt dem gegenwärtigen Schaffen. So das Ensemble Cinéphonique Zürich, das sich selbst beschreibt als «eine Gruppe junger, hochprofessioneller Musiker*innen, welche sich auf Studioaufnahmen für Film, Pop, Jazz und Werbung spezialisiert hat sowie für Live-Konzerte in unterschiedlichen Formationen gebucht werden kann.» Es besteht eine enge Anbindung an das Forum Filmmusik (s.u.).

Interessensgruppen

Wenn es Filmmusik gibt, gibt es auch diejenigen, die sie komponieren. Die Geschichte der Filmmusik ist voll von ungewollter Überrtagung der Urheberrechte von Komponist*innen, deren Musik später berühmt wurde, an Produktionsfirmen, denen diese Rechte später Vermögen einbrachte. Interessen der Filmkomponist*innen gilt es zu verteidigen, gerade auch im Hinblick auf die spezifische Geschichte von Filmmusik als Kunstform. Die Vereinigung schweizerischer Medienkomponist*innen, Swiss Media Composers Association, kurz SMECA, mit ihrer Geschäftsstelle in Basel, vertritt die Interessen von Bühnenmusiker*innen, besonders aber auch von Filmkomponist*innen. Die SMECA berät in Rechts- und Aufführungsfragen, kümmert sich um Vorsorgeperspektiven und vertritt die politischen Interessen ihrer Mitglieder.

Auch wenn Filmmusik, in den Worten des Hollywood-Komponisten Miklós Rózsa, «schnell zünden muss», bedarf es doch der Kompetenz, Filmmusik zu verstehen und zu würdigen. Oftmals wird behauptet, dass Filmmusik dann gut sei, wenn sie gar nicht gehört werde, also im Filmganzen komplett aufgehe. Dies aber ist eine fragwürdige Auffassung, der entgegengehalten werden kann, dass Filmmusik es oft genug durchaus verdient, wirklich angehört zu werden. Dafür bietet die Geschichte der Filmmusik zahllose Beispiele. Für Aspekte der Wissensvermittlung hat sich das Forum Filmmusik als feste Instanz etabliert. Verbunden mit der Zürcher Hochschule der Künste und dem Studiengang Komposition für Film, Theater und Medien, zeichnet der Verein laut seiner Website mit seinen « (freigeschalteten) Mitgliederinnen und Mitgliedern» nicht nur verantwortlich für den internationalen Filmmusikwettbewerb des Zurich Film Festival, sondern lanciert darüberhinaus Veranstaltungen wie Tagungen und Workshops an der ZHdK mit namhaften Filmkomponist*innen und Filmschaffenden oder kommentierte Filmvorführungen, bei denen Filme mit einschlägigen historischen Partituren präsentiert und diskutiert werden. 2017 fand anlässlich des 60. Geburtstages von Hans Zimmer ein internationales Symposium zu dessen musikalischem Wirken statt.

Eher vereinzelt erweisen sich auch andere Festivals als Orte der Wissensvermittlung von Filmmusik. Das m4music lud 2019 beispielsweise Mitglieder der Swiss Media Composers Association ein, um über Synchronisationstechniken für Werbung, Filme und TV-Shows zu informieren.

Institutionen: Förderung und Preise

Filmmusik wird gehört. Durchaus bewusst. Und sie kann Hit-Status erlangen, wie Henri Mancinis Peter Gunn-Thema. Legendäre Soundtracks finden als eigenständige Musik ihren Ort im kulturellen Gedächtnis. Dafür sorgen auch Ehrungen wie Filmmusikpreise. Förderung und Wettbewerbe beleben den Markt und verstärken die gesellschaftliche Wirkkraft. Kulturförderung, die Filmmusikprojekte einschließt, betreiben in der Schweiz u.a. die schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, FONDATION SUISA und SONART, Nachfolger des Schweizerischen Tonkünstlervereins. Da sich aber in der Geschichte gegenüber den verschiedenen Musiksparten die gesellschaftliche Akzeptanz unterschiedlich stark entwickelt hat, hat sich für Filmmusik auch eine spezielle Förder- und Preiskultur herausgebildet. SUISA, die Schweizer Genossenschaft, die die Nutzungsrechte aus dem Urheberrecht von Komponist*innen, Autor*innen von Texten für Musikstücke und Verlagen von Musikwerken vertritt, hat sich seit 1989 mit der FONDATION SUISA als gemeinnütziger Stiftung auf die Förderung von Projekten «aktuellen schweizerischen Musikschaffens» konzentriert. Bis 2017 wurde in diesem Rahmen ein jährlicher Filmmusikpreis verliehen, der seit 2018 zugunsten der Projektförderung eingestellt wurde. Dabei sollen für die Förderung der Werkbeiträge vor allem « mutige und innovative» Kompositionen berücksichtigt werden. Zuletzt ging der auf dem Locarno Film Festival übergebene und mit 25’000 Franken dotierte Preis an Balz Bachmann für seine Originalkomposition zum Dokumentarfilm Bis ans Ende der Träume von Wilfried Meichtry. Er erhielt den Preis zum dritten Mal.

Ein Porträt von Balz Bachmann, 2017

Im Rahmen des Zurich Film Festival vergibt eine internationale Jury das mit 10’000 Franken dotierte Goldene Auge für die Beste internationale Filmmusik. Der seit 2012 bestehende Wettbewerb formuliert als Aufgabe die Vertonung eines bestehenden Films oder Filmteils und bestimmt fünf Kompositionen unter zuletzt mehr als 300 Teilnehmer*innen aus über 40 Ländern. Die nominierten Werke werden abschliessend vom Tonhalle-Orchester unter der musikalischen Leitung von Frank Strobel aufgeführt.

 

Nicht weniger bedeutend als der Filmmusikwettbewerb des Zurich Film Festival ist der Preis für die Beste Filmmusik in Rahmen des Schweizer Filmpreis, der vom Bundesamt für Kultur, von der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR, Swiss Films und der Schweizer Filmakademie jährlich an den Solothurner Filmtagen vergeben wird und 2019 an Marcel Vaid ging. Der „Quartz" (benannt nach der von Jean Mauboulé für den Preis gestalteten Trophäe) ist mit 5’000 Franken dotiert.

Chris the Swiss (Anja Kofmel, 2018) Musik von Marcel Vaid

 

Einen Preis für den besten Soundtrack vergibt auch das seit 2006 existierende Animationsfilmfestival Animatou in Genf. Die Solothurner Filmtage und das von Migros organisierte Popmusik-Festival m4music fördern, gemeinsam mit der FONDATION SUISA, nicht direkt Filmmusik, aber den Best Swiss Video Clip.

Best Swiss Video Clip : Der Jurypreis geht 2019 an «Catalan Heat» der Bieler Band Puts Marie und an den Regisseur Simon Krebs, der in Basel und in Berlin wohnt und arbeitet.

 

Für Best Sound generell vergibt das Animationsfilmfestival Fantoche in Baden einen Preis. Wenig Aufmerksamkeit schenkt das Locarno Film Festival, das traditionsreichste der Schweiz (gegründet 1946), dem Thema Filmmusikpreise, seit der Preise der FONDATION SUISA (s.o.) 2017 eingestellt wurde. Davon abgesehen gewinnt Filmmusik im Rahmen des Festivals nur durch historische Zäsuren an Bedeutung, etwa wenn, wie 2009, das 100-jährige Bestehen der Filmmusik gefeiert wurde – nach welcher Urszene hier auch immer gerechnet werden mag.

Allerdings gibt es Festivals speziell für Filmmusik, wie sie etwa das Institute for Incoherent Cinematography IOIC mit Sitz in Zürich jährlich im November durchführt. An einem mehrtägigen Marathon kommen Stummfilme mit improvisierter oder neu komponierter Live-Musik zur Aufführung. Bei der Auswahl der Musik achten die Veranstalter auf den sozialen und kulturellen Hintergrund von Musik und Musiker*innen und legen Wert auf Vielfalt auch hinsichtlich deren Herkunft und Alter.

Helena (Manfred Noa, 1924) & The IOIC Improvisers Orchestra

 

Archive

Abschliessend sei auf die verschiedenen Archive verwiesen, die die Hüter der historischen Entwicklung und des kulturellen Gedächtnisses von Film und Filmmusik sind. Filmmusik heute existiert vor dem Hintergrund geschichtlicher Prozesse und historischer Forschung, die die kulturelle Identität der Schweiz auch gegenwärtig und zukünftig prägen. 
Die Cinémathèque Suisse in Genf – das nationale Filmarchiv – verfügt über umfassende Sammlungen nicht nur zum Schweizer Film, sondern auch von internationalen Werken und damit von schweizerischer und internationaler Filmmusik. Die Cinémathèque veranstaltet im Rahmen von Retrospektiven zudem Konzerte mit Schweizer Filmmusik, so 2015 anlässlich der Erscheinung der gemeinsam mit der FONDATION SUISA herausgegebenen Anthologie Musique de film suisse: 1923–2012 in Lausanne, wo ein historisches Spektrum aus jenen Jahren präsentiert wurde.

Auch das Filmpodium Zürich, das mit der Cinémathèque zusammenarbeitet, bietet in seinem Programm Events Live-Musik an.
 
In Lugano sammelt die Fonoteca Nazionale in Zusammenarbeit u.a. mit SUISA die Gesamtheit der Schweizer Tonträger, unter ihnen auch jene mit Filmmusik. « SUISA deponiert alle Tonträger, die sie im Zusammenhang mit der Verwaltung der Autor*innen- und Vervielfältigungsrechte erhält, in der Schweizerischen Nationalphonothek.» Sowohl veröffentlichte Tonträger wie auch nicht veröffentlichte, aber angemeldete Werke auf Tonaufnahmen sind Bestandteile der Sammlung

Nachlässe und Partituren finden sich in den grossen schweizerischen Bibliotheken wie der Zentralbibliothek in Zürich. Die Nachlässe von Robert Blum, der u.a. für den Film Die Gezeichneten von High Noon-Regisseur Fred Zinnemann komponierte, und von Walter Baumgartner, der früh den Jazz in der Filmmusik einsetzte, wie zum Beispiel in Café Odeon, finden sich dort. Bereits in der Frühzeit der Filmmusikgeschichte steuerte der Schweizer Komponist Arthur Honegger bedeutende Werke bei. Er komponierte für Regiegrössen wie Abel Gance und setzte für seine Filmmusiken so ungewöhnliche Instrumente wie die Ondes Martenot ein. 2015 gab die Basler Paul Sacher Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Schott Verlag ein vollständiges Inhaltsverzeichnis von Honeggers Musikmanuskripten heraus.

 

Die oben erwähnte Anthologie zur Schweizer Filmmusik lieferte 2015 der Musikwissenschaftler Mathias Spohr. Seine Studie, die von der FONDATION SUISA in Auftrag gegeben wurde, umfasst den Zeitraum von 1923–2012 und bietet ein weites Panorama in Buch- und CD-Form. Die Erweiterung zur Online-Version - swissfilmmusic.ch - befindet sich in Kooperation mit dem Forum Filmmusik seit 2018 im Aufbau und wird fortwährend von verschiedenen Autor*innen und unter Mitarbeit des Komponisten Bruno Spoerri aktualisiert.

 

Filmmusik boomt, das ist keine Frage. Die Infrastruktur von Forschung und Lehre entspricht diesem Marktzuwachs. Sind auch weitere Institutionen bereit, dieser Tendenz zu entsprechen? Wie steht es mit Verlagen und Agenturen, die sich der Filmmusik spezialisiert annehmen? Wie steht es mit der Aussenwirkung von Filmmusik? Das bereits erwähnte Vorurteil, Filmmusik solle eigentlich gar nicht gehört werden, ist so unangemessen, wie es weit verbreitet ist. Dem entgegenwirken kann nur eine stetige, aktive Wissensvermittlung und eine Förderung der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit, angeregt und unterstützt von Festivals und Förderinstitutionen. Filmmusik sei zwar funktionale Musik, aber sie sei auch wesentlicher Bestandteil eines Gesamtkunstwerks, wie es der Hollywood-Komponist Miklós Rózsa bemerkte. Ihre Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgeschöpft.
 

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