Review

Zwei Tage Zeit für improvisierte Musik

Wie vielfältig die Szene improvisierter Musik in der Schweiz ist, zeigte einmal mehr Zwei Tage Zeit – Festival für improvisierte Musik.

Thomas Meyer - 2018-01-25
Zwei Tage Zeit für improvisierte Musik -
Zwei Tage Zeit für improvisierte Musik - Jason Kahn beim Soundcheck im Theater Rigiblick © Christian Wolfarth
Jason Kahn beim Soundcheck im Theater Rigiblick © Christian Wolfarth

Seit 2006 präsentiert Zwei Tage Zeit – Festival für improvisierte Musik alle zwei Jahre eine wohlgewählte Programmation mit sechs Konzerten an zwei Abenden. Die waren bei der siebten Ausgabe am 19./20. Januar 2017 im Theater Rigiblick Zürich lang, aber nicht überfüllt.

Beteiligt sind am Festival jeweils das stadtzürcherische Musikpodium, das sich seit jeher mehr der einheimischen Musik widmet, die Ortsgruppe der Internationalen Gesellschaft für neue Musik ignm zürich, die jeweils neuste Trends vorstellt, und die Werkstatt für improvisierte Musik WIM, wo die Improvisation das täglich Brot ist. Und dieser Aspekt überwog an beiden Abenden. Wer da irgendwo noch Jam-Sessions erwartet hätte, wäre enttäuscht gewesen. Es handelte sich durchgehend um lang erprobte und gerade aufgrund erstandener Vertrautheit ertragreiche Konzepte des Zusammenspiels.

Soundcheck im Theater Rigiblick: Hildegard Kleeb (Klavier) und Roland Dahinden (Posaune) © Christian Wolfarth

 

Nicht immer neu und doch vital bis frisch

Denn das Festival bot nicht nur ein Treffen verschiedener Personalstile, sondern höchst unterschiedlicher Musikkonzeptionen: von der Soloperformance bis zum freejazzigen Quartett mit den dort üblichen Soloeinlagen. Gerade der Auftritt des britischen Quartetts mit dem Saxophonisten Paul Dunmall, dem Pianisten Liam Noble, dem Bassisten John Edwards und dem Schlagzeuger Mark Sanders führte in eine Musik, die zwar nicht mehr sehr neuartig, aber doch über die Jahrzehnte vital geblieben ist. Es war der Kehraus des Wochenendes.

Wie sehr konnte man es andererseits geniessen, wenn zwei zusammenwirken, die schon seit Längstem in der Musik (und im Leben) ein Duo bilden, wenn man dabei eine gemeinsame Sprache und Sprachhaltung erlebt, ein Aufeinandereingehen und Aufeinanderhinspielen, brillant, kantig, fetzig, heftig, flächig, frisch und blitzend. Der Posaunist Roland Dahinden und die Pianistin Hildegard Kleeb führen einen wendigen, sehr gestenreichen musikalischen Dialog. Diese Festivaleröffnung machte durchaus Spass.

 

Lange und kurze Langezeiterfahrungen

Der Freitagabend danach freilich verlangte etwas mehr Ausharrungsvermögen. Jason Kahns Vokal-Perkussions-Performance war doch etwas gewöhnungsbedürftig. Gekehlte Laute, ersticktes Gurgeln, stets auf der existentiellen Kippe, ein Stimm-Beckett im roten Pullover, untermalt von untergründig gefingerten Drums. Kein abwechslungsreiches Musikmachen, eines, das sich langsam entwickelte, wollte wohl auch nicht überraschen, sondern sich an der Geduld reiben. Langsam fand man hinein – und war doch froh, als es vorüber war.

 

Eine ähnliche Langzeiterfahrung anschliessend beim Quartett Evi Beast – Koï mit den Videobildern von Delphine Depres, dem Perkussiven von Béatrice Graf, der Elektronik von Coralie Lonfat und den langen Sax- und Fagottklängen von Sandra Weiss. Nahaufnahme eines sich doch recht gleichförmig vorbeiwälzenden Geschehens, im Wasserglas gequirlte Elemente – nicht unangenehm zum Mitverfolgen, aber schliesslich doch auch nicht wirklich erhellend.

 

Eine Melodie!

Zwei Höhepunkte hingegen am Samstagabend. Zum einen der berührende, intime und in der Zeit gespannte Auftritt der in Basel lebenden Sängerin Marianne Schuppe: Slow Songs und No Songs, allein, gestützt nur von ein paar leisen liegenden Klängen: Tatsächlich Songs, momenteweise modal, an mittelalterliche oder an irische Lieder anklingend, aus dem Moment herauswachsend. Auf verblüffende Weise tauchte etwas Vergessenes aus dem Dunkel auf: dass man auch eine ganz schlichte, schöne oder melancholische Melodie improvisieren kann.

Es braucht nicht das Vertrackte, nicht das Offensive, sondern vielleicht nur ein lebhaftes, aufmerksames Zusammenspiel, wie es etwa auch die Tänzerin Anna Huber und der Cellist Martin Schütz im Zusammenwirken der Kunstsparten entwickelten. Seit 1999 treten die beiden gemeinsam auf. Ihre Aufführung hat eine selbstverständliche Gelöstheit, eine Vielfalt im Feinsten, eine Ungezwungenheit des Dialogs erreicht, dass man nur staunt.

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