Dossier

Festivalland Schweiz: Sättigung in Sicht?

Panorama, Festivals

Innerhalb eines Jahrzehnts hat die Anzahl der Grosskonzerte in der Schweiz um 85 % auf über 400 zugenommen. Ist damit der Markt bald ausgereizt?

Olivier Horner - 2020-02-13
Festivalland Schweiz: Sättigung in Sicht? - JVAL Openair ©Lucien Kolly
JVAL Openair ©Lucien Kolly

Mit mehr als 400 Festivals aller Stilrichtungen ist die Schweiz eine echte Hochburg für Fans von Live-Musik – auch wenn es im benachbarten Frankreich mit über tausend noch ein paar mehr sind. Höhepunkt der Festivalsaison ist naturgemäss im Sommer, wenn zwischen Ende Juni und Anfang September hierzulande etwa vierzig solcher Veranstaltungen pro Woche über die Bühne gehen, vom grossen Montreux Jazz Festival bis zum beschaulichen Chant du Gros. Mittlerweile ist fast jede sechste Schweizer Gemeinde Gastgeberin eines Festivals, von denen viele auch ausserhalb der Hauptsaison und sogar mitten im Winter stattfinden, wie etwa das Antigel in Genf, das im Januar und Februar 2020 sein zehnjähriges Jubiläum feiert.

Schon seit einiger Zeit scheint sich jedoch eine Sättigung des Markts abzuzeichnen. Deutlichstes Anzeichen dafür ist, dass die Anzahl der Festivals und Grosskonzerte in der Schweiz in den vergangenen zehn Jahren um etwa 85 % zugenommen hat, während die Zahl der Besucher*innen dieser Veranstaltungen im selben Zeitraum nur um 35 % gestiegen ist, wie der Dachverband der professionellen Schweizer Konzert- und Festivalveranstalter (SMPA) ermittelt hat.

Dessen ungeachtet vermögen sich weiterhin auch zahlreiche kleinere Events auf dem umkämpften Markt zu behaupten – nicht zuletzt, weil es ihnen heutzutage gelingt, bekannte Namen aus Pop, Rock, Metal, Elektro oder Hip-Hop zu verpflichten, wie sie früher ausschliesslich an grossen Festivals zu sehen waren. Prominente Beispiele dafür sind das Tohu-Bohu im Walliser Veyras, an dem 2017 die schottischen Franz Ferdinand vor gerade einmal 3'000 Zuschauer*innen auftraten, oder das Venoge Festival im Waadtland, das 2019, im Rahmen seiner 25. Ausgabe, einem 6'000-köpfigen Publikum die Supergroup Prophets of Rage präsentierte.

In den letzten Jahren haben die kleineren Strukturen ihre Organisation professionalisiert und so ihren finanziellen Spielraum vergrössert. Dadurch können sie sich nun häufiger aktuelle, internationale Top-Acts leisten, selbst wenn deren Gagen nicht gesunken sind.

Diese zusätzliche Konkurrenz scheint wiederum an einigen grossen Veranstaltern nicht ganz spurlos vorbeizugehen. So war im Sommer 2019 das Paléo Festival in Nyon erstmals seit fast 20 Jahren nicht komplett, sondern «nur» zu 99 % ausverkauft, und auch beim Montreux Jazz Festival blieb der Ticketabsatz etwas hinter den Erwartungen zurück. Mitverantwortlich für die leichte Baisse war laut den beiden Giganten der welschen Festivalszene allerdings auch die Konkurrenz durch die Fête des Vignerons in Vevey. (Anm. d. Red: Die Fête des Vignerons ist ein traditionelles Waadtländer Volksfest zu Ehren der regionalen Weinbaukultur, das einmal pro Generation stattfindet. Zur Ausgabe 2019, die sich über fast einen Monat erstreckte, strömten über eine Million Menschen an den Genfersee.)

Trotz dieser jüngsten Entwicklungen steht die Festivaltradition in der Schweiz aber weiterhin auf festen Füssen. Mehrere welsche Veranstalter konnten 2019 sogar neue Besucherrekorde verzeichnen, so zum Beispiel das Festi'neuch in Neuenburg, das Sion sous les étoiles oder das Francomanias in Bulle. Alles in allem erfreuen sich Musikfestivals hierzulande praktisch ungebrochener Beliebtheit, obwohl die Ticketpreise der grössten Veranstaltungen im Lauf der letzten zehn Jahre um rund 10 % gestiegen sind.

Zwar mussten in diesem Zeitraum auch einige Events dem höheren Marktdruck Tribut zollen und endgültig (Pully For Noise) oder vorübergehend (Electrosanne in Lausanne, 2016 bis 2018) das Handtuch werfen, doch dafür sprangen andere Neugründungen in die Bresche (Soulitude in Genf, Les Georges in Freiburg). Um sich von der Konkurrenz abzuheben, verfolgen manche Festivals spezielle Konzepte, sei es eine bestimmte musikalische Ausrichtung (Bad Bonn Kilbi in Düdingen, Nox Orae in Vevey, JVAL in Begnins) oder eine thematische Gliederung (Venoge in Penthalaz, Estivale in Estavayer). Tatsächlich haben sich Intimität, Nähe und eine stimmige Programmgestaltung denn auch für viele von ihnen als nachhaltiges Erfolgsrezept erwiesen.

Les Georges, Fribourg ©Diane Deschenaux

 

Andere Veranstalter setzen derweil auf aussergewöhnliche Locations oder spartenübergreifende Darbietungen an mehreren Schauplätzen (PALP Festival im Wallis, Antigel in Genf). Ein Konzert im Schwimmbad (Antigel), eine Show am Seeufer (Bad Bonn Kilbi) oder ein Raclette-Konzert auf einer Alpweide (PALP) dienen dem jeweiligen Anlass als Alleinstellungsmerkmal und attraktive Visitenkarte. Beliebt sind auch Wintersportorte als Kulisse für Festivals mit Fokus auf elektronischer Musik (Caprices in Crans-Montana, Polaris in Verbier) oder Pop-Rock (Rock The Pistes im französisch-schweizerischen Skigebiet Portes du Soleil). Die Spezialisierungen auf einzelne Genres sind oftmals nicht zuletzt wirtschaftlich motiviert, machen die Programme der Festivals zugleich aber unterscheidbar von denjenigen der Klubs, die das ganze Jahr über Konzerte veranstalten.

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