Dossier :

Fürs Experiment die Gewohnheit riskieren

Panorama

Ensembles für zeitgenössische Musik sind rege Willensgemeinschaften. Eine Expedition zu den Hotspots einer Musikszene, die Utopien zu leben weiss.

Johannes Knapp - 2019-06-25
Fürs Experiment  die Gewohnheit riskieren - Nicht im Frack, sondern im Labor: das ensemble proton bern ©Oliver Oettli
Nicht im Frack, sondern im Labor: das ensemble proton bern ©Oliver Oettli

Wenn man etwas hervorbringen möchte, das grösser ist als man selbst, dann tut man sich mit anderen zusammen. Individuen bündeln ihre Fähigkeiten, ihre Einflusspotenziale und nicht zuletzt ihre Ressourcen, um übergeordnete Ziele zu verfolgen – in diesem Fall das Erarbeiten, Aufführen und Vermitteln von zeitgenössischer Musik. Die unterschiedlichen Ensembles, denen wir uns nun zuwenden, haben sich alle mehr oder weniger von unten nach oben konstituiert. Eines ihrer Erfolgsrezepte ist, dass ihre gemeinschaftlichen Zielsetzungen bis zu einem gewissen Grad an die Interessen ihrer jeweiligen Mitglieder gekoppelt bleiben. Es geht hier ums Spannungsverhältnis von Individuum und Kollektiv. Dieses drückt sich zum Beispiel im Sowohl-als-auch-Begriff «Solistenensemble» aus.

Ausgerechnet die grössten Schweizer Ensembles für zeitgenössische Musik haben sich diesen Begriff zu eigen gemacht: Als ein «Ensemble von Solisten, das sich auf das Schaffen, die Entwicklung und die Verbreitung von Instrumentalmusik des 20. und 21. Jahrhunderts spezialisiert hat», wird das im Jahre 1980 in Genf gegründete, heute 20 Musiker*innen-Persönlichkeiten vereinende Ensemble Contrechamps auf seiner brandneuen Webseite präsentiert. Das dreizehn Jahre jüngere Collegium Novum Zürich (CNZ) schlägt in seiner Selbstbeschreibung ähnliche Töne an: «Das gegenwärtig 26 Mitglieder umfassende Solistenensemble kann dank seiner mobilen Struktur flexibel auf jede Besetzung vom Solo bis zum grossen Ensemble zurückgreifen». Auf diese Weise könne sich die Programmgestaltung ganz nach inhaltlichen Kriterien ausrichten, heisst es dort weiter.

 

Rein in die Gesellschaft!

Apropos Programmgestaltung: Navigiert werden die beiden Flaggschiffe einer innovativen Schweizer Musikszene von künstlerischen Leitern. Wie in der Politik und anderswo auch, ist das Gleichgewicht zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Einheit und Vielfalt (zwei Schlüsselbegriffe aus der Präambel der Schweizer Bundesverfassung), äusserst fragil. Es muss ständig neu errungen werden. Die Identitäten der Ensembles sind gewissermassen Resultate ihrer Bemühungen um das In-Einklang-Bringen von beidem.

Oft beim CNZ als Dirigent zu Gast: Heinz Holliger, dessen 80. Geburtstag die Musikwelt dieses Jahr feiert.

 

Der seit April 2018 amtierende künstlerische Leiter des Ensemble Contrechamps, Serge Vuille, setzt in der ersten gänzlich von ihm selbst verantworteten Saison 2019/20 nicht nur auf einen partnerschaftlichen Dialog mit internen und externen Musik- und Kulturschaffenden anderer Sparten, sondern auch auf vielfarbige Kooperationen mit zahlreichen Genfer Institutionen und Veranstaltungsorten. Die Devise: Raus aus dem Elfenbeinturm, rein in die Gesellschaft! «Sympathische Resonanzen» («Résonances par sympathie»), dieses von Vuille gewählte Motto, das in goldenen Lettern auf der druckfrischen Saisonbroschüre prangt, geht auf ein physikalisches Phänomen zurück. Es tritt besonders bei Saiteninstrumenten auf, und zwar dann, wenn eine freie Saite, die einer anderen, durch Streichen, Zupfen oder Anschlagen in Schwingung versetzten Saite nah ist, «aus Sympathie» mitschwingt. Ähnlich funktioniert eine in der zeitgenössischen Musik häufig eingesetzte Spieltechnik: Richtet man den Schalltrichter einer Trompete oder Posaune beim Spielen in den Resonanzraum eines Flügels, geraten bestimmte Saiten bei niedergedrücktem Pedal in Schwingung.

Während in Genf mit dem Schlagzeuger und Komponisten Serge Vuille bereits neue Pfade eingeschlagen wurden, werden die Weichen in Zürich im Herbst 2019 neu gestellt. Dann wird eine neue künstlerische Leitung den Stab von Jens Schubbe übernehmen, der nach neun prägenden Jahren an der Spitze des Ensembles an die Dresdner Philharmonie wechselt.

Mit rund 430'000 Einwohner*innen ist die Weltstadt Zürich im internationalen Vergleich zwar fast ein Dorf, doch immerhin noch die grösste Stadt der Schweiz. Im Ranking des Globalization and World Cities Research Network tummelt sich Zürich mit Metropolen wie Barcelona, Washington D.C., Buenos Aires, San Francisco, Tel Aviv und Wien in der Kategorie «Alpha–». Auf Platz zwei im schweizweiten Vergleich steht Genf mit gerade mal der halben Einwohnerzahl, gefolgt von der Kunstmetropole Basel sowie der Bundeshauptstadt Bern. So verwundert es nicht, wenn auch Basel und Bern über arrivierte Neue-Musik-Ensembles verfügen, zumal beide Städte, wie Zürich und Genf übrigens auch, wichtige Musikhochschulstandorte sind.

 

Ensemble Contrechamps spielt «Top» von Genoël von Lilienstern

 

Theater und Transit

Im Anfang war… eine Anfrage des Theaters Basel, des grössten Dreispartenhauses der Schweiz. 1996 steckte Christoph Marthaler mitten in den Vorbereitungen von The unanswered question, ein – wie könnte es anders sein? – satirisches, parodistisches und subtil-verulktes Musiktheaterstück, das gewissermassen das Fundament für die Gründung des Ensemble Phoenix Basel bildete. Neben Charles Ives’ gleichnamigem Orchesterwerk, dem bei Marthaler eine Art Scharnierfunktion zwischen zwei Programmabschnitten zukam, sollte auch György Kurtágs Zyklus Die Botschaften des verstorbenen Fräuleins R.V. Troussova erklingen. Von Anfang an mit im Boot waren die Bühnenbilderin Anna Viebrock und der Dirigent Jürg Henneberger. Für Ives griff letzterer auf ein gewöhnliches Orchester zurück, das Sinfonieorchester Basel. 1997, als Marthalers Projekt zur Aufführung kam, war der Klangkörper gerade erst aus einer umstrittenen Fusion des Basler Sinfonie-Orchesters mit dem Radiosinfonieorchester Basel hervorgegangen. Ives mit dem Sinfonieorchester – so weit, so gut. Doch für Kurtág bräuchte es Spezialisten, war Henneberger überzeugt. Also lud man kurzerhand das eher lose organisierte Ensemble der Basler Gesellschaft für Neue Musik ein, das im Abendprogramm «Kurtág-Ensemble» hiess. Weitere Theaterengagements der Musiker-innen sollten folgen, beispielsweise für Bernd Alois Zimmermanns epochale Oper Die Soldaten. Der körperschaftliche Wille war fortan nicht mehr von der Hand zu weisen. So fand 1998 das Gründungskonzert des Ensemble Phoenix Basel statt. Wo sonst, wenn nicht im Theater Basel? Heute unterhält das Ensemble unter anderem eine eigene Konzertreihe im Gare du Nord. Von einer solchen Institution, wie sie seit 2002 in den denkmalgeschützten Räumlichkeiten des einstigen Bahnhofsbuffets des Badischen Bahnhofs besteht, können andere Städte nur träumen.

 

Reisetagebuch der West Coast Tour (März 2018) des ensemble proton bern.

 

«Das Besondere an Neuer Musik ist ihre Bereitschaft, für den Inhalt die Form zu riskieren, für das Interessante das Schöne, für das Experiment die Gewohnheit – Wagnis statt Wagner.» Schon am Credo des jungen, erst 2010 gegründeten und basisdemokratisch organisierten ensemble proton bern lässt sich die Kommunikationsfreude ablesen, die nicht minder in den Konzerten spürbar ist. Die Spezialität der neunköpfigen, je nach Bedarf erweiterbaren Stammbesetzung unter der Leitung des Dirigenten Matthias Kuhn: Uraufführungen! Eine weitere ist, dass zum beherrschten Instrumentarium das höchst seltene Lupophon (eine Bassoboe) sowie das Kontraforte (ein Kontrafagott) zählen. Dass das Ensemble die Vorzüge des Internet zu nutzen weiss, belegt sein YouTube-Kanal mit hohen Klickzahlen. Neben einer etablierten Konzertreihe in der Dampfzentrale Bern – einem ehemaligen Dampfkraftwerk, das in den späten Achtzigerjahren den abrisswilligen Behörden zum Trotz von mehreren kulturellen Gruppierungen zum alternativen Kulturzentrum umfunktioniert wurde – bespielt das reiselustige Ensemble mittlerweile etliche Veranstaltungsorte im In- und Ausland.

 

Ein Grossstadtphänomen?

Ensembles für zeitgenössische Musik sind im urbanen Raum verortet: Zürich, Genf, Basel, Bern. Bei einem Blick über die Landesgrenzen ergibt sich das gleiche Bild. Nicht von ungefähr ist London, eine Metropole in der Kategorie «Alpha++», Standort eines der bedeutendsten und grössten Ensembles für zeitgenössische Musik (London Sinfonietta) weltweit. Die zweitgrösste Metropolregion Europas ist Paris, wo Pierre Boulez 1976 das Ensemble intercontemporain ins Leben gerufen hat. Köln (Ensemble Musikfabrik, 1990 gegründet) ist die viertgrösste Stadt Deutschlands, Frankfurt (Ensemble Modern, 1980 initiiert) eine internationale Bankenmetropole und verkehrsgeografische Mitte Europas, und Wien (Klangforum, 1985 von dem Schweizer Komponisten Beat Furrer ins Leben gerufen) eines der traditionsreichsten europäischen Kulturzentren.

Schauen wir genauer hin, entdecken wir auf der Landkarte der Schweiz auch dort Ensembles, wo man sie nicht vermuten würde: in Chur etwa. Hier, in der beschaulichen Hauptstadt des Kantons Graubünden, leben auf 600 Metern über dem Meeresspiegel kaum 40'000 Einwohner*innen. Bis zur Quelle des Rheins, dem mitteleuropäischen Legendenfluss, ist es nicht mehr weit. Als er noch ins Gymnasium ging, gründete der 1974 in Basel geborene Geiger und Komponist David Sontòn Caflisch in Chur ein Streichorchester. Allmählich fanden auch Neutöner Eingang ins Programm. So reifte in ihm der Wunsch heran, ein Ensemble zu gründen, das ausschliesslich zeitgenössische Musik spielt. Es heisst schlicht und einfach Ensemble ö! (Das Ausrufezeichen gehört zum Namen.) Das war im Jahre 2002. Das dreissigste Lebensjahr noch nicht erreicht, klopfte Caflisch bei der Stadt an, in der Hoffnung, Subventionen zu erhalten. Wie in so vielen vergleichbaren Fällen, fiel die Antwort zunächst negativ aus. Vor allem aber war sich die Verwaltung sicher, dass Neue-Musik-Ensembles und Provinz miteinander unvereinbar sind. Der junge Querkopf wollte das Gegenteil beweisen – und sollte Recht behalten: «Mittlerweile hat Chur ein festes, gebildetes und neugieriges Publikum. Die Vision ist aufgegangen.» Das Erfolgsrezept besteht neben konsequenter und selbstkritischer Arbeit in thematischen, abwechslungsreichen Programmen mit aussermusikalischen Anknüpfungspunkten (Architektur, Literatur, Malerei, Physik, Philosophie). «Ich bin weniger an neuen Konzertformen interessiert als an vertieftem Inhalt», verrät er. «Zum Verständnis der Werke helfen andere Disziplinen manchmal sehr. Natürlich ist die Heisenbergsche Unschärferelation kein musikalisches Sujet, aber es gibt doch manche Querverbindungen.» Über 30 Konzerte gibt das Ensemble ö! pro Jahr. Neben Chur veranstaltet es auch in der Geburtsstadt seines Gründers eine eigene Konzertreihe.

 

Wandelkonzert des Nouvel Ensemble Contemporain (NEC) im Centre Dürrenmatt. 2019. ©Pablo Fernandez

 

Etwa gleich viele Einwohner*innen wie Chur zählt La Chaux-de-Fonds, eine der höchstgelegenen Städte Europas an der Grenze zu Frankreich. Vor einigen Jahren durch die UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, ist Kultur hier oben, wo es mehr Arbeitslose gibt als anderswo in der Schweiz, kein Nice-to-have, sondern ein Grundnahrungsmittel. Neben einer Handvoll bedeutender Museen, mehreren Theatern, dem ersten Architekturbüro von Le Corbusier sowie seiner berühmten Maison blanche, steht hier mit der Salle de Musique (siehe dazu auch den Beitrag « The music room at La Chaux-de-Fonds ») seit den Fünfzigerjahren ein fast 1200 Plätze grosser Konzertsaal, dessen Akustik von Maurizio Pollini, Claudio Arrau und anderen Koryphäen in den Himmel gelobt und als Aufnahmestudio genutzt wird. Aus dem städtischen Kulturleben nicht mehr wegzudenken ist das Nouvel Ensemble Contemporain. Im Gegensatz zu manch anderen Klangkörpern huldigen die 20 Musiker*innen nicht dem Jetset-Kosmopolitismus, obgleich die 1994 gegründete und heute von dem Pianisten Antoine Françoise geleitete Formation als wichtiger musikalischer Botschafter des Kantons Neuchâtel auch schon nach China, Irland, Rumänien und in manch andere Länder tourte: «Wir sind eine Gruppe von Freunden, eine grosse Familie, die zuallererst für das hervorragende Publikum in der eigenen Stadt da ist», so Françoise. Die Metapher mit der Familie trifft’s: Vier Gründungsfiguren sind heute noch dabei, drei weitere aktuelle Mitglieder stiessen früh dazu. «Darüber hinaus liegt es uns am Herzen, die Welt der zeitgenössischen Musik zu uns nach Hause einzuladen.» Im Rahmen des seit 2003 biennal und monographisch ausgerichteten Festivals Les Amplitudes, das vom Ensemble mitinitiiert wurde, gelingt das mit internationaler Ausstrahlung. Salvatore Sciarrino, Georges Aperghis, Rebecca Saunders und Mauro Lanza zählten bislang zu den Porträtierten.

 

Labor der Avantgarde

Halten wir nach dem Heranzoomen einiger ausgewählter Schweizer Ensembles einen Moment inne, um eine Klassifizierung zu wagen.

Da wäre zum einen die bewusste Abwendung vom üppigen Sinfonieorchester. Erstmalig hat sie Arnold Schönberg vollzogen, der als ein geistiger Ahne der Neue-Musik-Ensembles gelten kann. Das war im Jahre 1906 mit seinem Opus 9, der Ersten Kammersinfonie. Schönberg reduzierte die Besetzung deshalb auf fünf solistische Streicher und zehn Bläser, weil er sich nach mehr Konzentration, Dichte und Farbenreichtum sehnte und klare Strukturen der spätromantischen Klangmasse vorzog. In vergleichbarer Absicht und doch mit einem ganz anders gearteten Resultat schuf Igor Strawinsky 1918 im Schweizer Exil seine Histoire du Soldat. Sogar in der vom Krieg verschonten Schweiz hatten grosse Sinfonieorchester à la Sacre du Printemps zu jener Zeit einen schweren Stand. Manche mussten pausieren, andere wurden geschlossen. So entschied sich der Komponist für eine Minimalbesetzung, in der jede Instrumentengruppe vertreten ist (Streicher, Holzbläser, Blechbläser und Schlagzeug). Mittels der asketischen Beschränkung aufs Wesentliche, die er auch deshalb vornahm, weil die burleske Fabel auf einer Wanderbühne durch das Waadtland touren sollte, fand Strawinsky zu neuem Formen- und Farbenreichtum. Fortan sollte Ensemblemusik das hauptsächliche Experimentierfeld der Avantgarde sein. Anstatt schwerfälliger, hierarchisch organisierter Orchesterapparate waren agile Kollektive gefragt.

 

Im Grusswort der aktuellen Saisonbroschüre des 2007 gegründeten und heute die Westschweizer Musiklandschaft erheblich mitprägenden Lemanic Modern Ensemble, das in der Genfer Victoria Hall kürzlich eine reduzierte Instrumentation von Mahlers Vierter Sinfonie aus der Feder des Schweizer Komponisten Nicolas Bolens zur Uraufführung brachte, erfolgt eine Abgrenzung vom Orchester als Institution des musikalischen Establishments: Das internationale Musikleben zeichne sich durch den Rückgriff auf prestigeträchtige Interpret*innen aus, die im Wesentlichen traditionelles Repertoire exerzierten, heisst es da. Dem gegenüber stünde die Welt der zeitgenössischen Musik, die über knappe Ressourcen verfüge und daher nie wirklich in der Lage gewesen sei, sich in der Welt der «grossen Musik» tatsächlich zu behaupten. Was hier nüchtern konstatiert wird, erinnert an eine Forderung Arthur Honeggers aus den frühen Vierzigerjahren: «Nachdem man begriffen hat, dass man den Orchestervereinigungen Subventionen geben muss, damit sie neben den berühmten Klassikern auch ein paar Stunden andere Werke spielen können, wäre es da nicht zumindest gerecht, in der gleichen Weise auch ein Kammermusikensemble zu unterstützen, das sich für die zeitgenössische Musik einzusetzen versucht? Obwohl es sich nur um ein ‹Ensemble› handelt, sollte ihm doch nicht das versagt werden, was man einem Orchester zubilligt.» Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Neu, anders, grenzenlos

Es kann festgehalten werden: Einerseits sind Ensembles als Reaktion auf das traditionelle Modell des Sinfonieorchesters zu verstehen, das ein Kind des 19. Jahrhunderts ist. Zum anderen haben sich in der Schweiz in jüngerer Zeit Ensembles formiert, die zu denen, die oben porträtiert wurden, auf Distanz gehen. Und mit Orchestern haben sie erst recht nichts am Hut: Sie verzichten meist auf «Vorgesetzte» (musikalische beziehungsweise künstlerische Leitung), wagen Dinge, von denen man nicht immer sofort weiss, was sie genau sind, improvisieren, verwerfen den klassischen Werkbegriff, beziehen andere Ausdrucksformen ein und stellen sich immer wieder aufs Neue radikal selbst infrage. Bisweilen hat man den Eindruck, dass existenzielle Probleme künstlerische Visionen nicht ersticken, sondern die Kreativität zusätzlich entfachen. Not macht erfinderisch. Bis zu einem gewissen Grad jedenfalls.

Lang ist die Liste der Ensembles, die in keine Schublade passen. Steamboat Switzerland, 1995 gegründet und mehr Band als Ensemble, steht an prominenter Stelle. Wer Dominik Blum (Hammond), Marino Pliakas (Bass) und Lucas Niggli (Drums) hört, mag sich fragen, ob er sich in Donaueschingen, auf einem Rockfestival, bei einem Jazzkonzert oder in einem Noise Club befindet. Kürzlich erst haben die drei Musiker im Orchestergraben des Theaters Basel mit dem Sinfonieorchester zusammengewirkt in der Oper Diodati. Unendlich von Michael Wertmüller.

Ganz anders das Ensemble Vide. Der Name (frz. «vide» = «leer») ist Programm: Von einem kleinen Musiker*innen-Team abgesehen, das sich um die künstlerische Koordination, Administration, Fundraising und Vermittlung kümmert, sucht man feste Ensemblemitglieder auf der Webseite vergeblich. Für die interdisziplinären Projekte des Ensembles werden immer wieder Musikschaffende und Persönlichkeiten unterschiedlichster Fakultäten eingeladen. Das Abliefern schlüsselfertiger Häuser kommt für sie nicht infrage. Jedes Projekt entsteht auf einem weissen Blatt Papier, wobei der jeweilige Ort von Anbeginn prägend ist. Die absolute Lieblings-Location: die Arcoop. In den späten Fünfzigerjahren wurde das Industriegebäude in Carouge errichtet, um Räume für Handwerker*innen und kleine Unternehmen zu schaffen. Im Innenhof sieht man von jeder Etage auf die gegenüberliegende Seite, nach oben und nach unten. Das erlaubt eine Wahrnehmung des Dargebotenen aus unterschiedlichsten Perspektiven.

 

Erfrischender als ein Cocktail: das Ensemble Batida.

 

Ebenfalls in Genf beheimatet ist das Ensemble Batida. Komponierte zeitgenössische Musik, Improvisation, Installationen, Fusionen mit anderen Künsten und vieles mehr haben sich die fünf jungen Ensemblemitglieder – drei Schlagzeugerinnen, eine Pianistin und ein Pianist – auf die Fahnen geschrieben. Entlehnt ist der Name einer portugiesischen Bezeichnung für erfrischende alkoholische Mischgetränke: «Batida ist ein explosiver Cocktail, es ist die Beständigkeit der Bässe, es ist das harmonische Summen des Materials, das sich in Vibrationen ausbreitet», heisst es auf ihrer Homepage. Ein weiteres, sehr junges Beispiel für anders tickende Schweizer «Ensembles» ist das Kollektiv Mycelium. Dessen Projekte situieren sich irgendwo zwischen Musik, Kunst und Wissenschaft, ohne die Autonomie der jeweiligen Disziplinen auszulöschen. Gesellschaftliche Fragestellungen dienen oft als Ausgangspunkt. Jenseits der Sprache können zu den Themen neue Zugänge geschaffen werden: intuitive, emotionale. Als Vorbild vieler neuer Ensembles gilt das Ensemble Vortex. Seit seiner Gründung im Jahre 2005 durch eine junge Komponist*innen-Gruppe aus der Schweiz, Europa und Lateinamerika hat es niemals tote Komponist*innen gespielt. Mehr neuartige als etablierte Kompositionsstile verschwistern sich mit Elektroakustik, digitalen Technologien, szenischen Settings, Improvisation, Tanz, Theater, Installationen...

Die Schweiz erlebt im Augenblick einen veritablen Ensemble-Gründungs-Boom (siehe dazu auch den Beitrag «Dichtestress macht Qualität»). In einer Zeit, in der Utopien als Privileg von Tagträumern belächelt werden, führen uns die Protagonist*innen dieser innovativen Klangkörper vor Augen, dass wir utopische Ideen niemals preisgeben sollten. Sie sind dazu da, verwirklicht zu werden. Der Vorstellungskraft sind dabei keine Grenzen gesetzt. Dem Artikel, den Sie gerade lesen, schon. Für heute müssen wir daher zum Punkt kommen. Die erwähnten Ensembles – und vor allem auch die nicht genannten – haben es verdient, dass wir uns ihnen auf diesem Portal bald intensiver zuwenden.
 

 

Unser Autor, Johannes Knapp, ist kürzlich zum neuen Künstlerischen Leiter des Collegium Novum Zürich ernannt worden. Ursprüglich war geplant, dass er das gesamte Dossier redaktionell verantwortet und koordiniert. Im Sinne der Einhaltung unserer journalistischen Leitlinien waren wir uns schnell darin einig, das Dossier nun in andere Hände zu geben. Wir danken Johannes Knapp für die Zusammenarbeit.

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