«Der Mann ist Künstler, die Frau Muse»

Portraits

Die drei Musikerinnen Steff la Cheffe, Milena Patagônia und Jessiquoi über Rollenklischees, Double Standard und Sexismus in der Schweizer Musikszene.

Marina Bolzli - 2019-10-21
«Der Mann ist Künstler, die Frau Muse» - Milena Patagônia, Jessiquoi und Steff la Cheffe (von links) im Berner Frauenraum. ©Franziska Rothenbühler
Milena Patagônia, Jessiquoi und Steff la Cheffe (von links) im Berner Frauenraum. ©Franziska Rothenbühler

Sie sind Musikerinnen in verschiedenen Sparten, aber alle in einer Männerdomäne…

Steff la Cheffe (seufzt): Wenn man etwas anderes macht als Haushalt und Kinder aufziehen, ist man automatisch in einer Männerdomäne. Egal, ob man Politikerin, Ärztin oder Musikerin ist: Überall sind die Männer in der Überzahl. 

Stört das?

Jessiquoi: Das ist der einzige Faktor, der mich persönlich einschüchtert: dass ich so wenig Frauen um mich herum sehe. Backstage und auf der Bühne treffe ich fast nur Männer an. Für mich gibt es keinen Grund, warum das so sein sollte. Denn an das Argument, dass Frauen weniger an der Technik interessiert seien, glaube ich nicht. Und ausserdem: Es war noch nie so, dass ein Techniker mich nicht ernst nahm als Produzentin. 

Haben Sie einen Exotikbonus?

Jess: Nein, wenn es einen Bonus gäbe, gäbe es doch viel mehr Frauen. Und solange eine Spotify-Playlist zu über 70 Prozent aus Männern besteht, kann man nicht sagen, Frauen hätten einen Vorteil. 

Steff: Es gibt diesen Bonus, aber er ist nicht eindeutig.

Was heisst das?

Steff: Ich bekomme sehr viel Aufmerksamkeit von den Medien, viel mehr als meine männlichen Kollegen. Das ist der Bonus. Was wiederum dazu führt, dass sich meine Kollegen fragen, warum ich so viel Aufmerksamkeit bekomme. Das führt zu Neid. Aber eigentlich geht es um etwas anderes, das sehr tief in unserem Unterbewusstsein ist. 

Und worum?

Steff: Dass man doch oft die Frau in mir sieht. Und dass sich viele Männer fragen: Würde ich sie? Würde sie mich? Es ist absolute Kinderkacke. Denn eigentlich wollen wir doch arbeiten und gute Musik machen, aber das ist nur das Sichtbare, die Spitze des Eisbergs. Darunter ist ein Gebäude, das jahrhundertealt ist. 

STEFF LA CHEFFE - Holunder

 

Wie muss man sich das vorstellen?

Steff: Ich habe immer wieder Situationen erlebt, wo ich gerne mit Männern zusammengearbeitet hätte und dann merkte: Ich werde weggedrängt in diese Musenrolle. Man will mich zwar dabeihaben, die Muse ist ja die Inspiration – aber bitte nicht als Macherin. Und der Mann will mit seiner Kunst ja auch nur die Frau beeindrucken. Das Verhältnis zwischen Künstler und Muse ist ganz klar geschlechtergetrennt: Der Mann ist Künstler, die Frau Muse. 

Was heisst das für Sie?

Steff: Die Jungs wissen nicht, wo sie mich hintun sollen. Und die Meitschi (Mädchen, Anm. d. Red) wissen es auch nicht. Wenn ein Mann in meinem Alter etwas Vergleichbares macht, dann läuft der Karren. Alle finden es geil. Die Männer denken, sie wollen so sein wie er, und die Frauen himmeln ihn an. Das Konzert ist voll. Aber wenn ich das mache, stifte ich Verwirrung. Das sieht man zum Beispiel an der Zusammensetzung meines Publikums. Wisst ihr, wer an meine Konzerte kommt? Ältere Leute, weil die sich niemandem mehr beweisen müssen. Die wollen einfach Musik hören. Ich hatte noch nie ein Rapper-Publikum, nicht einmal, als ich noch Rap machte. Weil ein Rapper-Publikum: Das sind Jungs und ihre Freundinnen. 

Milena, Sie haben genickt, wie ist das bei Ihnen?

Milena Patagônia: Ich kenne einfach die Verwirrung, die man stiftet. Bei mir ist es noch krasser, da ich Sexualität explizit anspreche und damit spielerisch umgehe. Ich habe das Frausein immer in meine Musik einbezogen. Kann ich als Frau zum Beispiel sexuell offensiv sein? Ja, ich kann, aber es ist wahnsinnig abschreckend für die Jungs, wenn du deine Sexualität bei dir selber hast. Ich bin ein grosser Rap-Fan, ich liebe es. Und ich dachte: Hey, ich will den vom Ficken auch bringen – und machte es. Und dann? Ich wurde von Jungs belächelt – das sei huere (äusserst, Anm. d. Red) cringy. 

MILENA PATAGÔNIA - Nimmi

 

Was heisst cringy?

Milena: Zum Fremdschämen. Ich merkte, die finden mich peinlich, aber verdammt noch mal, wenn ein Rapper singt: Sitz auf mein Gesicht – gehen alle ab. Damit muss ich leben. 

Jess: Double Standard

Was meinen Sie mit Double Standard?

Jess: Wenn zwei dasselbe tun, es aber je nach Geschlecht anders bewertet wird. Wenn eine Frau es macht, ist es nicht okay, wenn ein Mann es macht, ist es okay. 

Ein Mann darf also sexuell in seinen Texten werden, eine Frau nicht?

Milena: Ich bin mir ziemlich sicher, dass es da draussen Stimmen gibt, die sagen, dass ich gar nicht so geil aussehe, um so etwas sagen zu können. 

Steff: Das alte Dilemma. Würde ich sie oder würde ich sie nicht?

Milena: Und oft dann auch, ich sei ja schon alt.

Alles Dinge, die man einem Mann nicht vorwerfen würde.

Milena: Ja, ich bin eine Exotin in der Mundart, wenn ich Worte wie ficken konkret ausspreche. 

Steff: Ich habe es extra immer umschrieben.

Haben Sie als Musikerinnen schon sexuelle Belästigung erlebt?

(es bleibt eine Weile still) 

Steff: Ja, ich wurde letzthin einfach so von hinten auf den Hals geküsst. Ich war erst mal perplex. Und dachte dann, das wäre wohl eine alte Freundin. Drehe mich um, sehe den Dude. Ich habe einen Schrei ausgestossen. Ich konnte das nicht einordnen. Später habe ich ihn zur Rede gestellt. Ich erklärte ihm, dass ich das nicht okay finde. Die Eier dazu hätte ich früher nicht gehabt. 

Jess: Als ich vor zwei Jahren den Gurten-Contest gewann, gab es sofort ein Interview auf der Bühne. Der Typ sagte als Erstes: «Frau und Technik, gäu, das ist sexy?»

Steff: Woah, das ist so 1950, Mann. Scheisse.

Milena: So gruusig (widerlich, Anm. d. Red).

Wie haben Sie reagiert?

Jess: Ich schämte mich so, dass ich nichts gesagt habe. Dass ich einfach gelächelt habe. Es war so unfair. Ich habe das einfach überhaupt nicht erwartet. Eigentlich hätte ich sagen sollen: Frau und Technik? Das ist normal, Alter. 

Würden Sie heute anders reagieren?

Jess: Für mich kommt natürlich die sprachliche Hürde dazu. Auf Englisch hätte ich wohl besser reagieren können. Aber diese Energie, die ich auf der Bühne habe, dieses Toughe, Rohe, das habe ich neben der Bühne meistens nicht. 

Steff: Lass dir etwas Zeit, du bist noch nicht einmal dreissig.

Jess: Daran arbeite ich. Eigentlich sollte es doch nicht so sein, dass Frauen kämpfen müssen, wenn sie in irgendeiner Domäne weiterkommen wollen. Andererseits ist mir bewusst: Ja, ich muss tougher werden. Das ist der Kampf, den ich mit mir selber führe: Eigentlich sollte das alles doch selbstverständlich sein. 

Fühlen Sie sich dadurch angespornt, technisch noch krassere Sachen zu machen?

Jess: Nicht unbedingt. Technik interessiert mich einfach. Ich will mich damit nicht beweisen. Sonst würde ich es ja der Männer wegen machen – oder um aufzufallen. In meinem Alltag als Musikproduzentin habe ich einfach mit Technik zu tun. Nicht mehr und nicht weniger. Und auch nicht auf eine andere Art als ein Mann. 

Müssen Musikerinnen besonders gut sein?

Jess: Es gibt das sogenannte Hochstaplersyndrom. 

Erklären Sie!

Jess: Jemand könnte intern eine bessere Stelle bekommen, aber diese Person fühlt sich nicht berechtigt, es zu tun. Dabei wäre sie wohl genauso qualifiziert wie andere, die sich bewerben. Ich merke das oft bei mir selber. Ich denke, darf ich das? Bin ich gut genug? Zum Beispiel bei den Swiss Music Awards. Ich wurde eingeladen, dachte aber, eigentlich gehöre ich doch gar nicht dazu. Und ich musste mir erst sagen: Doch, du bist ja Musikerin in der Schweiz, Alte. 

 

Jessiquoi über "Patti Cake$" und mehr

 

Fördern Sie andere Frauen?

Jess: Ich bin fest in Helvetiarockt (die Vernetzungsplattform für Musikerinnen) involviert und gebe Kurse für junge Frauen, die Musik produzieren wollen. Dort können sie Fehler machen und die dümmsten Fragen stellen, die eigentlich gar nicht dumm sind. Viele von ihnen produzieren nachher auch Musik, es bringt also etwas, dass es diesen geschützten Rahmen gibt. Das bräuchten die Männer vielleicht nicht, weil sie es bei einem Kollegen zu Hause lernen. 

Werden Frauen strenger bewertet?

Milena: Wenn Musik oder ein Film von einer Frau rauskommt und ich es nicht so gut finde, mache ich manchmal den Spruch: Fuck, wir sind noch nicht so weit, dass eine Frau einen Scheissfilm oder Scheissmusik rausbringen kann. Ich hatte ein Schlüsselerlebnis mit einem Booker eines bekannten Berner Clubs. Er sagte: « Ich kann nicht einfach Frauen buchen, und dann sind sie schlecht.» Und ich sagte: « Und wie viele Dudes hattest du schon auf der Bühne, die scheisse waren?» Und er sagte: « Fuck, ja, stimmt.» Dabei ist es wichtig, die hoffnungsvollen, aber noch unbekannten Frauenbands zu buchen. Die hängen sich dann schon rein, wenn sie wissen, dass sie nächste Woche ein Konzert spielen müssen. Und sie merken selber, dass es hart genug ist, wenn das Publikum sie nicht gut findet. 

Wie sehen das die anderen?

Jess: Wenn ich eine Frau sehe, die verdammt gut ist, inspiriert mich das viel mehr, als wenn ich einen Mann sehe, der gut ist. Die ganze Sache mit den Rollenbildern ist nicht zu unterschätzen. Ich wollte erst selber einen Song komponieren, als ich eine Komponistin entdeckt hatte. Vorher wäre ich nicht auf die Idee gekommen. 

Ändert sich jetzt etwas?

Milena: Ich mache Musik, seit ich zwölf war, und ich habe noch nie eine so krasse weibliche Energie gespürt. Noch vor drei Jahren gab es viel weniger Frauen, und jetzt zeigen sie sich, werden gebucht. Das ist sehr ermutigend. Das hat mich auch an Jess so fasziniert, wie sie das macht. 

Jess: Vielleicht hat das auch mit meiner Person zu tun. Dass ich so fest in meiner eigenen Welt bin, dass ich gar nicht merke, was um mich herum läuft. Manchmal ist das schlecht, manchmal auch gut, weil ich zum Beispiel gar nicht gemerkt habe, dass ich einen Nachteil haben sollte als Frau. Es ging mir wirklich nicht durch den Kopf. 

JESSIQUOI – The Sentry

 

Wie läuft es mit den Berner Musikern?

Steff: Bei mir musste ja erst ein Zürcher kommen (Musikproduzent Dodo, Anm. d. Red.). Ich kannte ja die meisten, war immer an den Battles, Jams, Konzerten und Partys. Ich wusste genau, ich will nicht selbst produzieren. Ich vertraute darauf, dass im richtigen Moment die richtige Person auftaucht. Und das ist passiert. Aber es kam eben nicht ein Berner, sondern ein Zürcher. Und ich weiss auch nicht, ob er selbst auf die Idee gekommen wäre. Die Legende sagt, seine Freundin habe ihn draufgebracht. 

Womit wir wieder bei der Männerdomäne wären.

Milena: Ich denke, wir Frauen sind jetzt grad dran, uns auch zu vernetzen. Wir schauen, was die andere macht, inspirieren uns gegenseitig, arbeiten zusammen. Aber eigentlich wünsche ich mir nicht Männer- und Frauenseilschaften, ich möchte, dass wir alle zusammenspannen. 

Steff: Das wäre ja das Schöne, wenn wir zusammen könnten! Aber bitte auf Augenhöhe. Und vorher gibt es nichts mehr, kein verdammtes Brösmeli (Krümelchen, Anm. d. Red.)! 

(die anderen kreischen)

Steff: Sag mir doch, dass du mich gernhast, wenn du mich gernhast. Umarm mich doch. Das können Frauen. Ich sehe vor allem sehr wenig Männer in unserer Gesellschaft, ich sehe grosse Buben. 

Milena: Bei mir hat es auch mit Helvetiarockt angefangen. An den Vernetzungsanlässen habe ich viele Frauen kennen gelernt – zum Beispiel Jessiquoi, das war vor zwei Jahren. Sie war so verschüpft und schüüch (unsicher und scheu, Anm. d. Red.), und trotzdem merkte ich, dass sie enorm viel drauf hat. Und heute, wenn Frauen nach einem Konzert zu mir kommen und sagen: Hey, das hat mich inspiriert, dann ist mein Job zu einem Teil gemacht-

Dieses Interview ist zuerst am 8. März 2019 in der Berner Zeitung erschienen.

 

www.jessiquoi.com

www.milenapatagonia.com

www.stefflacheffe.ch

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