Filmmusik im Zeitalter der Teamarbeit

Rittrati

Ein Porträt von der Zürcher Triplet Studios

Steffen Schmidt - 2019-12-11
Filmmusik im Zeitalter der Teamarbeit - ©Njazi Nivokazi
©Njazi Nivokazi

Die Triplet Studios sind ein Produktionszentrum für Filmmusik an der Langstrasse in Zürich, wo geplant, komponiert und eingespielt wird. Für die deutsche Serie Lindenstrasse und für zahlreiche Schweizer Spielfilme wie Der Flitzer hat das Team erfolgreiche Projekte vorgelegt. Mit seiner Teamarbeit verabschiedet es sich vom Mythos des «einen» Autors und legt ein anderes Konzept vor.

Der Name der Triplet Studios verdankt sich dem Zusammenschluss dreier Komponisten, Michael Duss, Christian Schlumpf und Martin Skalsky, die im Anschluss an ihr Studium an der Zürcher Musikhochschule in den Nuller Jahren gemeinsam beschlossen, sich leidenschaftlich dem boomenden Zweig der Filmmusik zu widmen. Reizvoll erschien den angehenden Komponisten das offene Feld der Filmmusik, in dem alles möglich schien und das stilistisch kaum Grenzen setzte. Genau darin sehen die jungen Komponisten ihre Stärke, alles komponieren zu können. Als Produktionsteam auch für Sounddesign arbeiten die drei je nach Projektanlage gemeinsam oder getrennt, zeichnen aber bei den meisten ihrer Musiken gemeinsam als Triplet Studios. 

Während des Studiums gab es noch keine Möglichkeit, speziell Filmmusik zu studieren. Ihr privates Interesse wurde ermutigt und gefördert durch André Bellmont, schon damals Dozent für Jazz und Arrangement an der Zürcher Musikhochschule und derzeitiger Leiter des von ihm gegründeten Studiengangs der Film-, Theater- und Medienkomposition an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Durch Bellmonts Vermittlung bekamen die Musikstudenten Gelegenheit, nach Los Angeles zu reisen und dort im Umkreis von Hans Zimmer bei Henning Lohner und Harry Gregson-Williams zu arbeiten. Dies gab den entscheidenden Anstoss, selbst etwas in Zürich zu gründen. 

Lindenstrasse 

Nach und nach wurden Filmmusiken gegenseitig vorgestellt, gemeinsam entworfen, Aufträge gesammelt. Mit Erfolg. Sieben Jahre hat das Kompositionsteam für die deutsche Serie Lindenstrasse die Musik geschrieben, wobei es glückliche Fügung war, dass die Serie in ihrer Erzählanlage drei Stränge miteinander verbindet, für die jeweils ein Komponist zuständig war. Eine ideale Konstellation von Filmstruktur und Teamkonstellation. Untergraben wird mit der Teamarbeit bereits schon die Vorstellung vom all-einigen Autor, von einem Beethoven, der hinter den Klängen gottgleich verantwortlich zeichnet.

« Derzeit befinden wir uns etwas im Umbruch», sagt Christan Schlumpf, der für das einstündige Gespräch zur Verfügung steht. Lindenstrasse wird nur noch ein Jahr ausgestrahlt, danach stellt sich die Frage nach anderen Grossprojekten, die den Unterhalt der drei jungen Väter sichern. Das ist nicht immer einfach, so Schlumpf, der auf die Frage nach Marketing und Werbung vor allem auf Kontakte setzt, die sich beim Besuch von Veranstaltungen und Festivals ergeben. So auch entstand der Draht zum Filmteam der Lindenstrasse und damit verbunden die Gründung des zweiten Triplet Studios in Berlin, das bei Auslandsaufträgen in Deutschland genutzt wird, um die Arbeitsmöglichkeiten auch in administrativer Hinsicht zu erleichtern. 

Stilistische Breite

Die Palette ihrer Kompositionsstile ist tatsächlich breit, was auch Programm und Signatur der Triplet Studios ist. Dabei finden häufig Spielarten des Pop Anwendung, meist in kleineren Besetzungen, die die studierten Instrumentalisten teils selbst einspielen. Für den 2016 entstandenen Film Flitzer (Regie: Peter Luisi) hat das Team ausnahmsweise auch für grosse Orchesterbesetzung geschrieben. Mit dem vorhandenen Budget wurde ein Filmmusikorchester aus Moskau beauftragt. Bei den Aufnahmen, die in Russland stattfanden, aber nicht unter Anwesenheit der Komponisten, wurde bereits per Handy und Textnachricht über die Korrektheit der Einspielungen diskutiert – Musikproduktion im digitalen WhatsApp-Zeitalter. 

Die Musik von Flitzer (Regie: Peter Luisi, 2017) ist bestechend, hymnisch-heroisch, immersiv. Sie überhöht den Augenblick, als der Flitzer das Stadion betritt, die Rolle des Spinners in die des Sportlers mutiert, jenes Sportlers, der den Weltrekord des Flitzens bricht und in die Schweiz bringt. 

 

Die witzig-skurrile Passage gewinnt durch die Musik einen vielseitigen Tiefgang, der von heroisierender Rührung und stiller Innigkeit bis zur verspielten Bewegungssuggestion im 5/4 Takt reicht. Zwar hat sich Triplet Studios nicht auf Komödien spezialisiert, aber das allgemein als schwierig angesehene Genre liegt den Komponisten. Eher sind es auch klar umrissene musikalische Gestalten und kristalline Klangkombinationen als das atmosphärisch Wogende, was den Sound von «Triplet» definiert. 

Arbeitsweise

Dabei gestaltet sich die Arbeit an den Projekten im Wechselspiel zwischen Zusammenarbeit und Autonomie. Einzelne Teile werden einem Komponisten anvertraut, der dann völlig unabhängig gestaltet. Also nicht wie im Studiosystem Hollywoods, wo die musikalischen Strukturen von Komponist*innen und die Instrumentation gegebenenfalls von Arrangeur*innen übernommen werden, was von Filmmusik-Grössen wie Bernard Herrmann oder Ennio Morricone ohnehin als verwerflich angesehen wurde. 

Bei aller Autonomie des Komponierens stehen die drei Musiker in enger Verbindung miteinander und erarbeiten im Vorfeld gemeinsame Konzepte, die aus der Auseinandersetzung mit der Filmerzählung entworfen sind. Die Dramaturgie des Films genau zu verstehen, die Musik dementsprechend anzupassen und eine sinnvolle Perspektive beizusteuern, ist die grundsätzliche Arbeitsweise der Triplet Studios. Daher gibt es auch immer wieder intensive Zusammenkünfte mit den Regisseur*innen, in denen unterschiedliche Entwürfe und Möglichkeiten präsentiert und diskutiert werden. 

Er sei nicht unbedingt ein Verfechter der Strategie, so Schlumpf, alles auf eine Karte, also auf die eine musikalische Version, zu setzen und diese unter die Leute zu bringen; eher geht es um einen Prozess, bei dem die Perspektive des Filmemachers genaues Gehör findet und eine gemeinsame Sprache zum Gegenstand entwickelt wird, was sich dann in der Filmmusik realisiert. Mit Regisseur Peter Luisi etwa hat sich dergestalt eine langjährige Zusammenarbeit entwickelt. Schlumpf bestätigt zwar, dass Filmemacher grossen Respekt vor der musikalischen Terminologie zeigen, räumt aber auch ein, dass dies kein Hinderungsgrund sei, sich über den Gegenstand von Film und Musik zu verständigen. 

 

Die Lehrer (Regie: Adrian Aeschbacher, Eric Andreae, 2016):

 

Plötzlich Deutsch (Regie: Robert Ralston, 2014):

 

Usgrächnet Gähwilers (Regie: Martin Guggisberg 2017):

 

Triplet studios 

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